Was passiert ist
Nach Angaben der Financial Times sind die Gaspreise in Europa zu Wochenbeginn wegen der Eskalation des Krieges im Nahen Osten auf das höchste Niveau seit 2023 gestiegen. Konkreter Auslöser ist die faktische Blockade der Schifffahrt durch die Straße von Hormus und Angriffe auf Anlagen in Katar, die einen der weltweit größten Exporteure von verflüssigtem Erdgas zeitweise zur Produktionskürzung gezwungen haben.
Mechanismus: warum es gerade jetzt schmerzt
Kurz gesagt – der Wettbewerb um das knappe LNG (verflüssigtes Erdgas) auf dem Weltmarkt nimmt zu. Dadurch sind die Großhandelspreise in Europa sprunghaft angestiegen: laut einigen Angaben betrug die Preisänderung seit letztem Freitag rund 53%. Gleichzeitig liegen die Gasreserven in der EU deutlich unter den Durchschnittswerten: nach Angaben von Gas Infrastructure Europe sind die Speicher unter 30% gefüllt, während der fünfjährige Durchschnitt für diese Periode bei etwa 45% liegt.
„Das ist ein Doppelschlag. Europa hat gerade erst begonnen, sich aus der energiebedingten Industriekrise herauszuarbeiten – und erhält nun den nächsten.“
— Henning Gloystein, Energieexperte, Eurasia Group
Hauptsächliche Risiken für Europa und die Ukraine
Die Folgen sind multifaktoriell. Für die EU besteht das Risiko einer erneuten energiegetriebenen Inflation und eines Rückgangs der Industrieproduktion; die Europäische Zentralbank (EZB) hat bereits vor wahrscheinlichem Druck auf Preise und Produktion gewarnt. Für die Ukraine sind drei Vektoren besonders wichtig:
- Finanziell: Steigende Energiepreise in Europa erhöhen den Inflationsdruck, was sich auf die Kosten für importierte Energieträger und Logistik auswirkt – wichtig für Haushalt und Wiederaufbau der Infrastruktur.
- Agrar- und Lebensmittelbereich: Blockaden bei Lieferungen von Mineraldüngern und logistische Probleme bedrohen Preisbildung und Verfügbarkeit von Ressourcen für ukrainische Landwirte und damit auch Exporterlöse.
- Geopolitisch: Unter Marktdruck könnte die Versuchung entstehen, schnell Importe aus politisch zweifelhaften Quellen wiederaufzunehmen. Analysten von Rystad Energy merken an, dass eine der Extremvarianten die Rückkehr zu russischem Gas wäre – dies ist jedoch aufgrund politischer Unvertretbarkeit und Ablehnung durch Partner, insbesondere die USA, unwahrscheinlich.
„Das Auffüllen der Gasspeicher für den nächsten Winter beginnt jetzt. Wenn das zu diesen Preisen erfolgen muss, wird das eine enorme Belastung für Europa.“
— Simeone Tagliapietra, Senior Fellow, Bruegel
Kurzer Zahlenüberblick
Die aktuellen europäischen Gaspreise liegen bei etwa 48,77 €/MWh, was deutlich unter dem Höhepunkt 2022 von ~340 €/MWh liegt, doch die Geschwindigkeit und Amplitude des aktuellen Anstiegs schaffen andere Risiken – insbesondere für das Auffüllen der Speicher und die Planung der Industrieproduktion. Außerdem stiegen die Ölpreise am 2. März um rund 9%, und die Großhandelspreise für Gas in den Niederlanden schossen um mehr als 25% nach oben.
Was die Partner — und die Ukraine — tun sollten
Angesichts der Risiken sind praktische Schritte statt bloßer Erklärungen nötig. Europäische Partner sollten die Unterzeichnung langfristiger LNG-Verträge, die Koordination transeuropäischer Versorgungsrouten und den Ausbau strategischer Reserven beschleunigen. Für die Ukraine ist es wichtig:
- die energetische Resilienz zu stärken – Diversifizierung der Quellen und Ausbau nationaler Kapazitäten;
- mit Partnern Mechanismen zur Priorisierung kritischer Lieferungen (Energie, Düngemittel) und finanzielle Instrumente zur Abmilderung von Preisschocks abzustimmen;
- diplomatisch sicherzustellen, dass energiepolitische Entscheidungen der Partner keinen Weg für politisch riskante Maßnahmen öffnen (zum Beispiel die Legitimierung von Importen aus dem Aggressor).
Fazit
Diese Welle von Preissprüngen ist nicht das Ende des Systems, aber ein klarer Test für Handlungsfähigkeit und politischen Willen. Europa muss Erklärungen zur Solidarität rasch in konkrete Verträge und Logistik umsetzen; die Ukraine sollte diese Zeit nutzen, um ihre Energie- und Ernährungssicherheit zu stärken. Während EU-Institutionen und Märkte auf den Schock reagieren, bleibt die zentrale Frage: Gelingt es den Partnern, ihre Maßnahmen zu synchronisieren, bevor Marktmechanismen den Gesellschaften in der realen Welt wirtschaftlichen Schaden zufügen?