Kurz
Am 18. Januar fand in Portugal die erste Runde der Präsidentschaftswahlen statt: in die zweite Runde, die am 8. Februar stattfinden wird, zogen António José Seguro (31,1 %) und der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei Chega André Ventura (23,5 %) ein. Das ist der erste Fall seit rund 40 Jahren, dass kein Kandidat im ersten Wahlgang die Mehrheit erreichte, wie Politico und The Guardian berichten.
Was geschehen ist und warum das wichtig ist
Das Ergebnis kam für einen Teil der Expertinnen und Experten überraschend: Umfragen vor der Wahl sahen Ventura in Führung. Doch Seguro erzielte einen Durchbruch und hat nun die Chance, diejenigen Wähler zu vereinen, die die radikale Rhetorik eindämmen wollen.
„Venturas Fähigkeit, am Sonntag fast ein Viertel der Stimmen zu erhalten, unterstreicht, wie rasant das Wachstum seiner Partei Chega in Portugal war. Innerhalb von sechs Jahren hat sich dieses ultra-nationalistische Bündnis von nur einem Abgeordneten im Parlament zur wichtigsten Oppositionskraft des Landes entwickelt, die über mehr als ein Viertel der Sitze im Gesetzgebungsorgan verfügt.“
— Politico
Portugal ist eine semipräsidentielle Republik. Der Präsident verfügt über reale Einflussinstrumente, darunter:
- Veto gegen Gesetze;
- Ratifizierung internationaler Verträge;
- Ernennung des Premierministers und Auflösung des Parlaments;
- Ernennung wichtiger Amtsträger und Gewährung von Begnadigungen;
- als Oberbefehlshaber — Einfluss auf den Einsatz der Streitkräfte.
Das bedeutet, dass Präsidentschaftswahlen nicht nur eine Zeremonie sind: Sie formen das Kräfteverhältnis im Land und beeinflussen Portugals außenpolitische Position in zentralen Sicherheitsfragen und in der europäischen Kooperation.
Signale für Europa und für die Ukraine
„In den fünf Jahrzehnten, seit Portugal seine faschistische Diktatur gestürzt hat, verlangten Präsidentschaftswahlen nur einmal – 1986 – eine zweite Runde, was hervorhebt, wie fragmentiert die politische Landschaft geworden ist angesichts des Wachstums der extremen Rechten und der Enttäuschung der Wähler gegenüber den etablierten Parteien.“
— The Guardian
Expertinnen und Experten betonen: der Erfolg von Chega ist ein Warnsignal, dass selbst in stabilen Demokratien das Wachstum radikaler Kräfte möglich ist, wenn Wähler enttäuscht sind und das Vertrauen in traditionelle Parteien schwindet. Für EU-Länder, insbesondere für die Ukraine, ist das ein wichtiger Indikator: Die Beständigkeit der europäischen politischen Unterstützung wird nicht nur von der Außenpolitik abhängen, sondern auch vom inneren Kräfteverhältnis in jeder Hauptstadt.
„Portugiesische Präsidenten waren seit der Gründung der Republik eine stabilisierende Kraft in der Politik des Landes, und die fünf vorangegangenen Präsidenten gewannen jeweils zwei aufeinanderfolgende fünfjährige Amtszeiten. Das portugiesische Wahlvolk wählte traditionell Präsidenten, die ein Gegengewicht zur dominierenden politischen Kraft jener Zeit bildeten.“
— Andrew Bernard, freier Senior Fellow am Europäischen Zentrum des Atlantic Council
Was als Nächstes zu erwarten ist
Politische Kommentatoren sehen zwei Szenarien: die Mobilisierung breiter Koalitionen gegen Ventura oder die Konsolidierung neuer politischer Realitäten, falls er an der Macht beteiligt wird. Wie auch immer das Ergebnis ausfällt, die Stichwahl am 8. Februar wird ein Lackmustest: Gelingt es den traditionellen Kräften, sich um einen Kandidaten zu vereinen, der Extremisten von den Institutionen fernhält, oder werden radikale Bewegungen ihren Einfluss in einer Schlüsselstaatlichen Institution festigen?
Frage zum Nachdenken: Werden Europa und seine Mitgliedstaaten über die Instrumente und den politischen Willen verfügen, um die Stabilität der Bündnispositionen zu wahren, falls sich einzelne Mitglieder weiter radikalisieren? Die Antwort darauf wird nicht nur Portugal betreffen, sondern die Fähigkeit der EU bestimmen, in Sicherheitsfragen und beim Schutz der Demokratien als einheitliche Front zu agieren.