Kurz
Die Europäische Kommission hat die finale Verhandlungsphase über ein Freihandelsabkommen mit Indien angekündigt. EU‑Handelskommissar Maroš Šefčovič nannte es die „Mutter aller Abkommen“ — und nicht nur als Schlagwort: Es geht um den Zugang zu einem Markt von 1,4 Milliarden Verbrauchern und eine Zone, die insgesamt rund 2 Milliarden Menschen umfassen könnte, wenn man alle Handelsvereinbarungen zusammenrechnet.
Was genau vorgeschlagen wird
Laut Angaben der Europäischen Kommission und einem Interview Šefčovičs mit Euronews sieht das Abkommen eine erhebliche Senkung der Zölle auf eine breite Palette von Waren und Dienstleistungen vor, wird jedoch nicht umfassend sein — die sensibelsten Branchen bleiben außen vor. Derzeit sind in Indien rund 6000 europäische Unternehmen tätig; 2024 belief sich der europäische Export dorthin auf etwa 48,8 Milliarden Euro.
„Das ist das größte Handelsabkommen der Geschichte“
— Maroš Šefčovič, EU‑Kommissar für Handel
Warum die Verhandlungen schwierig waren
Šefčovič sagt offen, dass die indischen Delegierten harte Verhandlungspartner seien: In einigen Branchen erreichen die Zölle dort 150 %. Gleichzeitig berichtet Reuters über eine Einigung bei den Autozöllen: eine teilweise Senkung von rund 110 % auf 40 % für eine begrenzte Auswahl teurer importierter Autos mit anschließender schrittweiser Absenkung auf 10 % für einzelne Modelle.
„Wir haben beschlossen, die für uns sensibelsten Branchen vom Abkommen auszunehmen, um uns auf ein positives Ergebnis zu konzentrieren“
— Maroš Šefčovič, EU‑Kommissar für Handel
Strategische Bedeutung für die EU
Abkommen dieses Umfangs haben nicht nur wirtschaftliche, sondern auch geopolitische Folgen. Für Brüssel ist es ein Weg, sich gegen globale Handelsschwankungen abzusichern, ein Signal an andere Partner zu senden und die Rolle der EU als handelspolitischen Akteur in der Welt zu stärken. Wichtiger Kontext: Handelskanäle leiden bereits heute unter Zollausbrüchen und politischem Druck, daher ist die Diversifizierung der Märkte eine pragmatische Antwort.
Was das für die Ukraine bedeutet
Die Ukraine ist nicht direkt Vertragspartei des Abkommens, doch die Folgen werden spürbar sein. Erstens macht die Stärkung der europäischen Lieferketten die EU widerstandsfähiger — das ist positiv für unsere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Stabilität. Zweitens können ukrainische Unternehmen, die in europäische Lieferketten integriert sind (Komponenten, Rohstoffe, IT‑Dienstleistungen), indirekt von einem Anstieg des Handels zwischen der EU und Indien profitieren.
Gleichzeitig sind die Risiken offensichtlich: Teilweise Ausnahmen und geschützte indische Sektoren bedeuten, dass die Vorteile ungleich verteilt sein werden und davon abhängen, wie schnell europäische Partner ihre Produktionsketten umstellen.
Risiken und nächste Schritte
Das Abkommen muss noch ratifiziert und detailliert umgesetzt werden. Brüssel hofft, dass es ein Signal an andere Partner sein wird, besonders vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten mit MERCOSUR. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Handelsstreitigkeiten mit Drittstaaten eskalieren — zum Beispiel schaffen Berichte über mögliche US‑Zölle auf Indien zusätzliche Unsicherheit.
Fazit
Das ist kein sofortiger Durchbruch und kein Allheilmittel: Das Abkommen eröffnet wichtige Chancen für die EU, tut dies jedoch selektiv. Für die Ukraine gilt es vor allem, die Diversifizierung der europäischen Lieferketten genau zu beobachten, Nischen für Integration zu suchen und daran zu arbeiten, dass die europäische Ausrichtung auf neue Märkte auch unserer Wirtschaft zugutekommt. Ob es den Partnern gelingt, die politische Erklärung in konkrete Verträge umzusetzen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.