Armenien hält seine Teilnahme in der ОДКБ schon seit fast zwei Jahren eingefroren — nachdem die Organisation die Eskalation in Bergkarabach 2022 ignoriert hatte. Ein offizieller Austritt steht jedoch noch aus. Am 4. April band Parlamentspräsident Alen Simonyan diesen Schritt erstmals an eine konkrete wirtschaftliche Bedingung.
„Wenn wir irgendwelche Maßnahmen sehen, die mit einer Erhöhung der Tarife verbunden sind, — werden wir die Interessen der Republik Armenien verteidigen“
Alen Simonyan, Parlamentspräsident Armeniens, 4. April 2025
Es geht nicht nur um die ОДКБ: Simonyan nannte parallel dazu auch die Eurasische Wirtschaftsunion. Das heißt: Eine einzige Entscheidung Moskaus bezüglich der Gaspreise könnte Armenien zugleich aus beiden Strukturen — der sicherheitspolitischen und der wirtschaftlichen — hinausführen.
Woher die Gefahr steigender Preise kommt
Die Gaslieferungen nach Armenien erfolgen durch „Gazprom Armenien“ — eine hundertprozentige Tochter des russischen Gazprom. Im ersten Halbjahr 2025 überstieg das Liefervolumen 1,2 Milliarden Kubikmeter. Die Route verläuft über die Gasleitung „Nordkaukasus — Transkaukasien“ durch Georgien: Eine alternative Infrastruktur für Eriwan existiert nicht.
Simonyan kommentierte Gerüchte über mögliche Ultimaten Putins bei dessen März-Treffen mit Pashinyan. Dem Sprecher zufolge verliefen die Verhandlungen „sehr gut und effektiv“ und sollten die Preisgefahr entschärfen. Die Aussage ist damit zugleich ein Abschreckungssignal und eine öffentliche Versicherung für den Fall, dass die Vereinbarungen scheitern.
Wo Armenien jetzt steht
- Seit Februar 2024 ist die Teilnahme an der ОДКБ auf allen Ebenen offiziell eingefroren — Eriwan zahlt keine Beiträge in das Budget der Organisation.
- Im März 2025 unterzeichnete der Präsident Armeniens ein Gesetz über den Beginn des Prozesses des Beitritts zur EU.
- Am 2. April erklärte Pashinyan, er halte eine Rückkehr zur ОДКБ weiterhin für unrealistisch.
Das Bild sieht so aus: Der formale Austritt verzögert sich nicht aus Mangel an politischem Willen, sondern wegen der energiepolitischen Abhängigkeit. Gas ist das einzige reale Druckmittel, das Moskau noch gegenüber Eriwan ausübt.
Wenn Putin den Tarif dennoch erhöht — wird Armenien dann genug Zeit haben, alternative Lieferungen zu finden, bevor der wirtschaftliche Druck die Regierung dazu zwingt, den europäisch-integrationspolitischen Kurs zu überdenken?