Am 4. April haben fünf EU-Finanzminister der Europäischen Kommission ein gemeinsames Schreiben geschickt: führt eine Steuer auf Übergewinne von Energieunternehmen ein. Auslöser war der starke Anstieg der Kraftstoffpreise — verursacht durch die Eskalation im Nahen Osten und die Schließung der Straße von Hormus, die Analysten von Citi Research als einen der heftigsten Handelsschocks für die Eurozone in den letzten Jahren beschreiben.
Dasselbe Instrument, andere Krise
Dieser Vorschlag ist nicht neu. Im Oktober 2022, nach dem Einmarsch Russlands und dem Sprung der Gaspreise, führte der Rat der EU bereits einen obligatorischen „Solidarbeitrag“ für Öl- und Gasunternehmen ein. Die Europäische Kommission prognostizierte damals, dass der Mechanismus bis zu €25 Mrd. einbringen würde. Laut einem Bericht der Kommission aus dem Jahr 2025 wurden tatsächlich €26,15 Mrd. eingesammelt — eine formal höhere Zahl als geplant, jedoch mit eklatanten Disparitäten zwischen den Ländern.
Wichtiger ist etwas anderes: ausgerechnet der Bericht der Europäischen Kommission empfahl, diese Maßnahmen zurückzufahren — wegen „erheblicher Investorenunsicherheit“, die durch unterschiedliche Umsetzungsansätze in den Mitgliedstaaten verursacht wurde. Eine Studie des Europäischen Parlaments ergänzte: In der Vergangenheit hätten Übergewinnsteuern negative Auswirkungen auf Investitionen im Energiesektor gehabt.
„Diejenigen, die aus den Folgen des Krieges Gewinne ziehen, müssen einen Teil der Last übernehmen, die die Gesellschaft trägt.“
Aus dem Schreiben der Finanzminister Deutschlands, Italiens, Spaniens, Portugals und Österreichs an die Europäische Kommission, berichtet Reuters
Warum nicht alle 27
Fünf Unterzeichner sind weniger als ein Viertel der EU-Mitglieder. Die Sätze waren in den verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich: 2022–2023 reichte die Spannbreite von minimalen 33 % bis zu 75 % in Irland. Einige Staaten — Spanien, Ungarn, Tschechien, Litauen, Slowakei — dehnten die Logik der Übergewinnbesteuerung sogar auf den Bankensektor aus und verlängerten die Laufzeit der Mechanismen bis 2025–2027, obwohl die Energieübergewinne bereits mit dem Rückgang der Preise verschwunden waren.
Das heißt: Ein Teil der EU lebt noch in der Logik von 2022, ein anderer versucht, sich davon zu lösen — und die neue Krise spaltet den Block erneut.
Was im Schreiben steht und was nicht
Die Minister fordern die Europäische Kommission auf, „zügig“ einen Beitragsmechanismus zu erarbeiten. Im Schreiben fehlen jedoch sowohl ein konkreter Satz als auch eine Definition der Bemessungsgrundlage und eine Laufzeit. Gerade die Unschärfe dieser Parameter war der Hauptgrund für das Scheitern des Mechanismus von 2022 — wie die Kommissionsbericht 2025 ausdrücklich feststellte.
- Präzedenzfall 2022: 16 von 27 Ländern wandten den „Solidarbeitrag“ an, weitere 8 eigene Äquivalente. Eine Vereinheitlichung gab es faktisch nicht.
- Neue Initiative: Schreiben ohne Zahlen und ohne Kontrollmechanismus — bislang ist es nur ein politisches Signal, kein gesetzgeberischer Vorschlag.
- Marktkontext: Die Gaspreise in der EU sind im Zuge der Eskalation im Nahen Osten um etwa 70 % gestiegen — haben aber nicht die Spitzenwerte von 2022 erreicht.
Die Europäische Kommission hat nicht offiziell auf das Schreiben reagiert. Wenn sie dennoch einen Vorschlag ausarbeitet, ohne „Übergewinn“ klar zu definieren und ohne einheitlichen Satz — wäre dieses Instrument dann wirkungsvoller als das vorherige, das die Brüsseler Behörde selbst als problematisch eingestuft hat?