Zur Erklärung
In einem Interview mit der italienischen Zeitung Corriere della Sera erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass eine Normalisierung der Beziehungen zu Ungarn nach der Niederlage des amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán bei den Parlamentswahlen möglich sei. Dem Präsidenten zufolge ist das ungarische Volk nicht prorussisch eingestellt, die derzeitige politische Ausrichtung in Budapest werde jedoch unter dem Einfluss bestimmter politischer Kräfte geformt.
„Ich glaube, dass Orbán bei den Wahlen verlieren wird, und dann können wir normale Beziehungen zu Ungarn wiederherstellen, unter anderem weil das ungarische Volk nicht prorussisch eingestellt ist“
— Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine (Interview Corriere della Sera)
Warum das für die Ukraine wichtig ist
Es handelt sich nicht um einen persönlichen Streit – es geht um geopolitische Folgen. Wie der Präsident betonte, ist Ungarn für die Regionalpolitik und Energieverbindungen von Bedeutung, obwohl sein militärisches Gewicht begrenzt ist. Die Frage des Transits von Energieträgern, die Selenskyj im Zusammenhang mit der Ölpipeline «Дружба» erwähnte, beeinflusst unmittelbar die Energiesicherheit unserer Region. Zudem betrachtet der Präsident zusätzliche Finanzzuflüsse nach Russland als Risiko, da diese zur Bewaffnung gegen die Ukraine verwendet werden könnten.
Politischer Kontext der Wahlen
Die Parlamentswahlen in Ungarn sind für den 12. April 2026 geplant. Die Bürgerinnen und Bürger wählen 199 Abgeordnete: 106 in Einzelwahlkreisen und 93 über Verhältnislisten. Die Hauptgegnerin der Regierungskoalition Fidesz–KDNP ist die Oppositionsplattform Tisza unter der Führung von Péter Magyar. Analysten in Brüssel und Journalistinnen und Journalisten in Europa heben hervor, dass diese Wahlen zu den wettbewerbsintensivsten der letzten Jahre gehören und die Ausrichtung Budapests gegenüber der EU und den Nachbarstaaten bestimmen könnten.
Mögliche Szenarien und Folgen
Wenn Fidesz an der Macht bleibt, könnte die Konfrontation mit Kiew andauern, was die energie- und diplomatiepolitische Koordination in der EU erschwert. Sollte hingegen die Opposition siegen, eröffnet sich Spielraum für eine schrittweise Normalisierung der Verhandlungen, die Wiederaufnahme praktischer Zusammenarbeit und die Entspannung energetischer Spannungen. Gleichzeitig stellt Selenskyj unmissverständlich fest, dass es derzeit keinen Dialog mit Orbán gebe – nach seinen Worten sei ein Gespräch unmöglich, weil von ungarischer Seite keine Initiative ausgehe.
Fazit
Die Äußerung des Präsidenten ist keine bloße Wunschvorstellung, sondern eine strategische Botschaft: Eine Veränderung der Innenpolitik im Nachbarland kann außenpolitischen Raum für die Ukraine schaffen. Nun sind die ungarischen Wählerinnen und Wähler sowie die europäischen Partner am Zug – erklärte Absichten müssen in konkrete Schritte münden, die die Sicherheit und die Energieversorgung der Region stärken.