Lagarde und «Basisszenario»
Christine Lagarde erklärte, sie plane, bis zum Ende ihrer Amtszeit im Oktober 2027 im Amt zu bleiben, berichtet The Wall Street Journal. Diese Position entspricht ihren früheren Zusicherungen und widerlegt einen Beitrag der Financial Times, der einen möglichen vorzeitigen Rücktritt nahelegte.
"Wenn ich auf all die Jahre zurückblicke, glaube ich, dass wir vieles erreicht haben und dass auch ich viel erreicht habe. Wir müssen diese Ergebnisse konsolidieren und sicherstellen, dass sie wirklich belastbar und verlässlich sind. Daher ist mein Basisszenario, bis zum Ende meines Mandats weiterzuarbeiten."
— Christine Lagarde, Präsidentin der EZB (Interview WSJ)
Politischer Kontext
Die Gerüchte über einen möglichen Rücktritt hatten sich vor dem Hintergrund der französischen Präsidentschaftswahlen zugespitzt: ein unerwarteter Schritt des Gouverneurs der Banque de France im Februar 2026 nährte Vermutungen über eine breitere Rotation in europäischen Institutionen, die Paris einen operativen Vorteil bei der Ernennung eines Nachfolgers verschaffen könnte.
Formal wird der Präsident/die Präsidentin der EZB von den 27 Staats- und Regierungschefs der EU gewählt, doch große Länder — wie Frankreich und Deutschland — haben traditionell Gewicht bei informellen Absprachen. Die Ernennung Lagardes im Jahr 2019 erfolgte ebenfalls in einem solchen Kontext.
Was das für die Ukraine bedeutet
Eine stabile Führung der EZB ist nicht nur eine inner-europäische Angelegenheit. Für die Ukraine bedeutet eine vorhersehbare Geldpolitik der EU geringere Marktvolatilität, stabilere Kreditbedingungen und vorhersehbarere Entscheidungen zu Sanktionen und finanzieller Zusammenarbeit. In einer Zeit, in der jede Garantie für Investitionen und Hilfe zählt, haben solche Signale praktische Bedeutung.
"Ich halte die EZB für eine sehr angesehene und einflussreiche Institution, und ich hoffe, dass ich dazu beigetragen habe."
— Christine Lagarde, Präsidentin der EZB (WSJ)
Weiterer Hintergrund
Gleichzeitig nominierte US-Präsident Donald Trump Kevin Warsh zum Vorsitzenden der Federal Reserve, was eine weitere Dimension der Unsicherheit in der globalen Geldpolitik hinzufügt. Analysten weisen darauf hin, dass synchrone Wechsel in der Führung führender Zentralbanken die Bedeutung persönlicher Eigenschaften der Führungskräfte und politischer Absprachen bei der Politikgestaltung erhöhen.
Kurz — Folgen
Wenn Lagarde ihr Mandat vollständig erfüllt: höhere Wahrscheinlichkeit für eine größere Vorhersehbarkeit geldpolitischer Entscheidungen und geringere politische Risiken für die Märkte. Sollte die Frage der Rotation wieder aufkommen: steigt das Risiko politischen Einflusses auf die Unabhängigkeit der Institution im Vorfeld der Wahlen in Frankreich.
Nun sind die europäischen Führungskräfte am Zug: Werden sie die Stabilität der Institutionen den kurzfristigen politischen Vorteilen vorziehen? Für die Ukraine hat die Antwort direkte wirtschaftliche und sicherheitspolitische Implikationen.