OECD rät zur Zusammenlegung der Börsen: Wie eine einheitliche Börsenplattform den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg beschleunigen kann

Ein fragmentierter Aktienmarkt bremst private Investitionen, die für den Wiederaufbau gebraucht werden. Die OECD empfiehlt Konsolidierung, einen Markt für das Wachstum von KMU und die Überprüfung der Listing‑Schwellen. Wir analysieren, was bereits getan wurde und was das für Wirtschaft und Anleger bedeutet.

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Warum das gerade jetzt wichtig ist

In einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der OECD raten Experten der Ukraine, den fragmentierten inländischen Aktienmarkt zu einer zentralisierten Struktur zu konsolidieren. Das ist keine rein technische Empfehlung – es ist eine Antwort auf ein zentrales praktisches Problem: Der Wiederaufbau nach dem Krieg wird privaten Kapitalzufluss benötigen, den der Staat allein nicht bereitstellen kann.

Aktueller Stand des Marktes

Derzeit gibt es in der Ukraine offiziell zwei Börsen — ПФТС und «Перспектива» — doch der Handel auf ihnen ist nahezu inexistent. Nach Einschätzung des parlamentarischen Finanzausschusses ist der Markt faktisch verfallen: Im Land gibt es noch etwa 1.600 börsennotierte Unternehmen, aber nur wenige sind tatsächlich am Handel beteiligt.

„Der Aktienmarkt in der Ukraine ist derart verfallen, dass im Land nur noch 1.600 börsennotierte Unternehmen übrig sind. Nur sechs von ihnen sind am Aktienmarkt präsent.“

— Danylo Hetmantsev, Vorsitzender des Finanzausschusses der Werchowna Rada (Dezember 2024)

Was genau die OECD empfiehlt

Die Kernempfehlungen sind formal einfach, aber in der Umsetzung komplex: eine einheitliche Börse zur Erhöhung der Liquidität, die Schaffung eines separaten Wachstumsmarktes für KMU nach dem Vorbild des polnischen NewConnect oder des rumänischen AeRO sowie die Überprüfung der Listing-Anforderungen, die derzeit mittelständische Unternehmen vom Zugang zu öffentlichen Kapitalquellen ausschließen.

Der Bericht betont, dass die Reform zwar vorrangig, aber langfristig ist: Sie wird eine Stabilisierung der Wirtschaft und umfassendere strukturelle Veränderungen erfordern. Teilweise wurden bereits Schritte unternommen — im Juli 2025 unterzeichneten die Ukraine und die EBRD ein Memorandum zur Schaffung einer integrierten Börsenstruktur.

Konkrete Zahlen, die man kennen sollte

Im Jahr 2025 wurden in der Ukraine neue Regeln eingeführt, die eine Kapitalisierungsschwelle für den Hauptmarkt von 6 Mrd. UAH (~125 Mio. Euro) festlegen — das ist 20-mal höher als die vorherige Schwelle. Zum Vergleich: In Bulgarien, Tschechien und Rumänien liegt die Schwelle bei etwa 1 Mio. Euro, in Polen bei 15 Mio. Euro. Die jetzigen ukrainischen Anforderungen drohen, einem großen Teil des Mittelstands den Zugang zu öffentlichem Kapital zu verwehren.

Was das der Ukraine bringen würde

Eine einheitliche, liquide Börse und ein Wachstumsmarkt könnten drei wichtige Ergebnisse liefern: 1) Zufluss privater Investitionen in den Wiederaufbau von Infrastruktur und Industrie; 2) eine alternative Finanzierungsquelle für KMU, die die Schaffung von Arbeitsplätzen fördert; 3) größere wirtschaftliche Unabhängigkeit des Staates, weil der Bedarf an rein öffentlicher Finanzierung sinkt.

Analysten weisen darauf hin, dass Nachbarländer, die ähnliche Transformationen ihrer Kapitalmärkte durchlaufen haben, deutliche Effekte erzielten — etwa ein Wachstum der Zahl börsennotierter Unternehmen und eine Belebung inländischer Investoren.

Welche Schritte für die Umsetzung nötig sind

Die Umsetzung erfordert praktische Maßnahmen: gesetzliche Regelungen des Konsolidierungsverfahrens, technische Integration von Handels- und Clearing-Systemen, Anpassung der Listing-Anforderungen an die Realitäten des lokalen Geschäftslebens und den Start einer separaten Plattform für wachstumsorientierte Unternehmen. Die Unterstützung internationaler Finanzinstitutionen, insbesondere der EBRD, kann den Prozess beschleunigen.

Fazit

Die OECD sendet ein klares Signal: Der Kapitalmarkt muss zum Instrument des Wiederaufbaus werden. Das ist kein schneller Erfolg — aber konsequente Reformen und Partnerschaften mit internationalen Investoren können Deklarationen in reale Investitionen verwandeln. Nun sind die Gesetzgeber, Regulierer und Marktteilnehmer gefordert: Werden sie die Empfehlung in Maßnahmen umsetzen, die den Wiederaufbau des Landes beschleunigen?

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