Auf dem 79. Filmfestival von Cannes ging die „Goldene Palme" an das norwegische Drama „Fjord" des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu. Für ihn ist dies bereits sein zweiter Sieg auf dem Festival – den ersten erhielt er 2007 für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", ein Abtreibungsdrama über das kommunistische Rumänien. Zwischen den beiden „Palmen" liegen 19 Jahre und grundlegend andere Länder, Sprachen und Systeme.
Ein Plot, der schon in den Nachrichten war
„Fjord" ist Mungieus erster Film, der außerhalb Rumäniens gedreht wurde und spielt. Ein Paar evangelikaler Rumänen (Sebastian Stan und die norwegische Schauspielerin Renate Reinsve) zieht in eine kleine norwegische Stadt. Nachdem Lehrer der Ortsschule Spuren von Misshandlungen bemerken, nimmt der Sozialdienst Barnevernet der Familie fünf Kinder weg.
Dies ist kein erfundener Konflikt. Wie NRK berichtet, wurde der Film von einem realen Fall inspiriert, der damals zu massiven Protesten vor norwegischen Botschaften führte – von Washington bis Bukarest. Der norwegische Kinderschutzdienst Barnevernet steht schon lange wegen seiner Behandlung von Fällen mit Immigrantenfamilien und religiösen Gemeinschaften im Zentrum internationaler Kritik.
„Heute ist die Gesellschaft gespalten. Sie ist radikalisiert. Dieser Film ist eine Warnung vor jedem Fundamentalismus. Auch vor dem linken"
— Cristian Mungiu, Rede bei der Preisverleihung
Warum gerade dieser Film und warum jetzt
„Fjord" war einer der am meisten diskutierten Filme des Wettbewerbs: Kritiker waren sich uneinig in ihrer Bewertung und darüber, auf welche Seite sich der Autor stellt. Wie Variety anmerkt, scheint gerade diese Mehrdeutigkeit die Jury unter der Leitung des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho vereinigt zu haben. Mungiu nahm die Auszeichnung bescheiden an mit den Worten: „Alle Auszeichnungen sind kontextabhängig".
Ein weiteres Detail, das nicht mit Kunst zu tun hat, aber für die Industrie wichtig ist: Der amerikanische Vertrieb Neon erwarb die Rechte an „Fjord" noch vor Festivalbeginn – und gewann bereits zum siebten Mal in Folge eine „Palme". Für ein kleines Independent-Unternehmen ist das kein Zufall mehr, sondern System.
Weitere Auszeichnungen
- Großer Preis – „Der Minotaurus" von Andrei Zvyagintsev
- Preis für Regie – geteilt zwischen Javier Calvo und Javier Ambrosi („La Bola Negra") sowie Pawel Pawlikowski („Fatherland")
- Jurypreis – „The Dreamed Adventure" von Valeska Grisbach
Bemerkenswert ist, dass der Große Preis an Zvyagintsev ging – einen Regisseur, der nach der russischen Volloffensive an vielen europäischen Filmfestspielen nicht mehr gezeigt wird. Cannes hat sich in diesem Jahr für „Kunst ohne Kontext" entschieden – und diese Entscheidung führt bereits zu einer separaten Debatte.
Wenn „Fjord" in die breite Öffentlichkeit kommt und eine öffentliche Diskussion über Barnevernet und die Rechte von Immigrantenfamilien in Skandinavien provoziert – wird ein Spielfilm dann bewirken können, was Jahre von Rechtsklagen und diplomatischen Noten nicht erreicht haben?