Operative Antwort
Die Kiewer Stadt-Militärverwaltung (KMVA) erklärt, dass die Informationen über die Ausreise von mehr als 600.000 Einwohnern der Hauptstadt nicht bestätigt seien. Die Sprecherin der KMVA, Kateryna Pop, hat diese Schätzungen live im Telemarathon ausdrücklich bestritten, als sie die Aussagen des Bürgermeisters Vitali Klitschko über einen massenhaften Abzug nach dem Beschuss am 9. Januar kommentierte.
«Solche Informationen werden von keiner Abteilung der Kiewer Stadt-Militärverwaltung bestätigt»
— Kateryna Pop, Sprecherin der Kiewer Stadt-Militärverwaltung
Kontext und überprüfte Fakten
Es ist wichtig, die zum Zeitpunkt der Aussagen bekannten Fakten zu nennen: in der Nacht zum 9. Januar führte Russland einen kombinierten Angriff auf Kiew durch – vier Menschen wurden getötet, mehr als 20 verletzt. Damals blieben fast 6000 Mehrfamilienhäuser ohne Wärmeversorgung, in Teilen der Stadt wurden Notabschaltungen eingeführt.
Ein erneuter Angriff in der Nacht zum 20. Januar führte ebenfalls zu großflächigen Ausfällen: ohne Wärme blieben 5635 Mehrfamilienhäuser, etwa 80 % davon sind Gebäude, in denen die Wärmeversorgung nach dem 9. Januar wiederhergestellt worden war.
Warum die Abweichung bei den Zahlen wichtig ist
Die Differenz zwischen den angegebenen 600.000 Ausgereisten und dem, was die Infrastruktur registriert, ist nicht nur Statistik. Wenn so viele Anschlussnehmer die Stadt verlassen hätten, wäre das an der Arbeit der Stromnetze und an den Daten der Versorger zu sehen: Rückgang des Verbrauchs, Veränderungen bei den Leitungsverlusten, ein anderes Bild bei der Wiederherstellung von Diensten. Genau auf solche Indikatoren verweist die KMVA, wenn sie sagt, «wir sehen keine Belege».
Die Abweichungen wirken sich auf drei Dinge aus: die Planung humanitärer Hilfe, die Priorisierung von Wiederherstellungsarbeiten und das Vertrauen der Öffentlichkeit in offizielle Stellen. Wenn die Zahlen nicht übereinstimmen, können Ressourcen dorthin fließen, wo sie am wenigsten benötigt werden.
Was gefordert werden muss und wie weiter vorgegangen werden sollte
Um die Unsicherheit zu verringern, sind einfache technische Schritte nötig: eine öffentliche Methodik zur Zählung (aus welchen Quellen die Daten stammen), zusammengefasste Kennzahlen von Energieversorgern und Telekommunikationsanbietern sowie abgestimmte Berichte zwischen Stadtverwaltung und Bürgermeisteramt. Ebenso wichtig ist, dass freiwillige Netzwerke und Hilfszentren operative Daten über Bevölkerungsbewegungen erhalten – andernfalls leiden diejenigen, die wirklich Unterstützung benötigen.
Analysten der Energienetze weisen darauf hin: Ohne transparente Daten ist es schwer, eine Massenevakuierung von lokalen Versorgungsproblemen zu unterscheiden, die durch Beschädigungen an der Infrastruktur entstanden sind.
Fazit
Die Aussagen der Behörden und die Daten der Infrastruktur müssen übereinstimmen. Solange das nicht der Fall ist, bleibt das Argument «eine halbe Million sei weggefahren» fragwürdig — und die Effektivität der Hilfe leidet darunter. Sind die Behörden und das Bürgermeisteramt bereit, detaillierte Berechnungen und Quellen zu veröffentlichen? Von der Antwort hängt nicht nur die Agenda der Journalistinnen und Journalisten ab, sondern auch die konkrete Hilfe für die Menschen in der Stadt.