Vom 24. Februar 2022 bis zum 12. April 2026 wurden in der Ukraine 620 Angriffe auf Vertreter der territorialen Rekrutierungszentren registriert. Die Zahl wurde von der Nationalpolizei auf eine Anfrage von LIGA.net hin veröffentlicht. Dahinter verbirgt sich nicht nur Statistik, sondern auch eine Kurve der gesellschaftlichen Spannung: fünf Fälle im Jahr 2022 und 341 allein im Jahr 2025.
Wo wird am meisten angegriffen
Die Geographie der Angriffe korreliert mit der Bevölkerungsdichte und dem Druck der Mobilisierung. Führend ist die Region Charkiw — 69 registrierte Fälle, gefolgt von Kyjiw (53) und der Region Dnipropetrowsk (45). Charkiw ist eine Stadt an der Front mit erhöhtem Einberufungsdruck und gleichzeitig eines der Zentren, in dem sich die Gerichtspraxis in Fällen gegen die Rekrutierungszentren bereits ausgebildet hat.
Was passiert nach einem Angriff
Nach Angaben der Landstreitkräfte der Streitkräfte der Ukraine starben bis Dezember 2025 infolge von Angriffen vier Militärangehörige — in den Regionen Odesa, Poltawa und Lwiw. Zu jedem Fall wurde eine Strafermittlung eingeleitet. Aber einzuleiten ist nicht dasselbe wie bis zum Urteil zu bringen.
Die Region Mykolajiw ist ein aufschlussreiches Beispiel: 31 registrierte Angriffe insgesamt, und nur zwei Fälle gelangten vor Gericht. Die übrigen befinden sich noch in der Vorermittlungsphase. Ein ähnliches Bild ist in den meisten Regionen typisch.
„Der Charakter der registrierten Vorfälle ist vielfältig und beschränkt sich nicht auf verbale Konflikte oder Drohungen. In einer Reihe von Fällen erlitten Militärangehörige körperliche Verletzungen — Blutergüsse, Schürfwunden, Verätzungen, Brüche, Schnitte, Messerstiche".
Mykolajiw TZK und SK
Bewährungsstrafe als Norm
In Fällen, in denen Verfahren tatsächlich vor Gericht gehen, sind die Urteile meist Bewährungsstrafen — dies wird durch die Analyse der Gerichtspraxis für 2024–2025 bestätigt. Eine Ausnahme bilden Fälle, in denen die Ermittler eine Verbindung zu ausländischen Geheimdiensten feststellen: dann verhängen die Gerichte echte Freiheitsstrafen — bis zu 15 Jahren Haft. Aber solche Fälle sind selten.
Zum Vergleich: Die Veröffentlichung des Standortes eines Rekrutierungszentrums in sozialen Netzwerken wird von Gerichten als Bedrohung des Mobilisierungsplans klassifiziert und mit Freiheitsentzug bestraft — strenger als ein physischer Angriff auf einen Offizier.
Was hinter den Zahlen steckt
Das Anwachsen von Angriffen ist nicht nur eine Kriminalstatistik. Es ist ein Indikator dafür, wie legitim die Institution, die für die Versorgung der Armee mit Menschen zuständig ist, von einem Teil der Gesellschaft wahrgenommen wird. 2022 konnten fünf Angriffe pro Jahr als Ausnahmen erklärt werden. 341 Angriffe im Jahr 2025 — das ist bereits eine systemische Reaktion auf ein systemisches Problem.
Gleichzeitig reagiert der Staat bislang hauptsächlich auf der Ebene der Registrierung: er vermerkt, leitet Verfahren ein, bringt sie selten bis zum Urteil. Kein öffentliches Schutzprogramm für Mitarbeiter der Rekrutierungszentren — weder Schutzwesten für Benachrichtigungsteams noch obligatorische Begleitung — wurde offiziell angekündigt.
Wenn die Anzahl der Fälle, die zu echten Urteilen führen, auf dem heutigen Niveau bleibt, wird das Anwachsen der Angriffe im Jahr 2026 anhalten — denn es gibt praktisch keinen abschreckenden Effekt der Bestrafung. Ein Wendepunkt könnte der Moment sein, wenn die Gerichte massiv von Bewährungsstrafen zu echten Haftstrafen in Fällen ohne Spionage-Element übergehen: genau dann wird sichtbar, ob der juristische Hebel dort wirkt, wo die gesellschaftliche Überzeugung nicht gewirkt hat.