Während die Aufmerksamkeit auf Cyberattacken und Drohnen über europäischen Flughäfen konzentriert ist, setzt der russische Geheimdienst (SVR) ein altes Spiel fort – die Rekrutierung von Menschen. Der schwedische Sicherheitsdienst (Säpo) hat die Aufdeckung einer Operation gemeldet, die lange Zeit von russischen Auslandsgeheimdienstlern koordiniert wurde, deren wichtigstes Instrument jedoch nicht bösartiger Code war, sondern ein gewöhnlicher Mensch mit Informationszugang.
Warum gerade eine Diplomatenvertretung
Der Agent arbeitete in einer der ausländischen diplomatischen Vertretungen in Schweden – Säpo gibt nicht preis, in welcher. Das ist kein Zufall: Diplomatische Einrichtungen bieten Zugang zu informellen Gesprächen, Entwürfen von Positionen und Kontakten zu Beamten, bevor Entscheidungen öffentlich werden. Für den Geheimdienst ist dies billiger und effektiver als jede Cyberoperation.
Die Aufgaben des Agenten waren pragmatisch: Informationen sammeln, wie Entscheidungen in Schweden getroffen werden – wer auf wen Einfluss hat, wo es Unstimmigkeiten gibt, welche Themen gesellschaftliche Spaltungen auslösen. Es geht nicht um das Stehlen geheimer Dokumente, sondern um das Verständnis der Mechanik der Entscheidungsfindung, um dann subtil darauf einzuwirken.
Was wurde diskreditiert
Nach Angaben des schwedischen Sicherheitsdienstes war die Operation auf vier Bereiche ausgerichtet:
- Schwedens politische Positionen;
- dessen Arbeit in der NATO und der EU;
- Unterstützung der Ukraine;
- militärische Fähigkeiten des Landes.
Dies ist kein chaotischer Satz von Zielen, sondern eine logische Landkarte: Schweden hat sich in den letzten zwei Jahren von einem neutralen Land zu einem NATO-Mitglied und einem der wichtigsten Militärdonoren der Ukraine entwickelt. Jedes dieser vier Themen ist ein Punkt, an dem gesellschaftliche Polarisierung Moskau echten Einfluss geben könnte.
„Russische Geheimdienst- und Sicherheitsdienste setzen weiterhin Priorität auf traditionelle Geheimdienstarbeit durch die Rekrutierung von Menschen als Agenten", erklärte der stellvertretende Leiter des Sicherheitsdienstes Schwedens, Christoffer Vedalin.
Nach seinen Aussagen konnte der Sicherheitsdienst die Aktivitäten des Agenten – seine Treffen und ihren Inhalt – im Detail verfolgen. Dies bedeutet, dass die Operation wahrscheinlich schon lange unter der Kontrolle des schwedischen Geheimdiensts lief, bevor sie formal aufgedeckt wurde, und nicht im letzten Moment gestoppt wurde.
Praktische Schlussfolgerung
Die Geschichte zeigt etwas Einfaches: Die teuersten Cybersicherheitsmaßnahmen helfen nicht, wenn die Schwachstelle ein Mensch mit legitimem Zugang ist. Schweden, das 2024 die jahrzehntelange militärische Blockfreiheit aufgab und der NATO beitrat, nennt nun offiziell Russland, China und den Iran die wichtigsten Geheimdienstbedrohungen.
Die Frage ist nicht, ob Moskau versuchen wird, ein ähnliches Schema in anderen EU-Ländern zu wiederholen, die die Ukraine unterstützen – sondern wie viele solcher Agenten in diplomatischen Einrichtungen noch nicht entdeckt worden sind.