Am 14. Juni rief der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den US-Präsidenten Donald Trump an – an dessen 80. Geburtstag. Das Gespräch dauerte mindestens eine halbe Stunde. Dmitro Lytvyn, Berater des Staatschefs für Kommunikation, bestätigte Journalisten, dass die Seiten „es schafften, alles Wichtigste zu besprechen – insbesondere Ideen zum Verhandlungsprozess".
Die Glückwünsche waren eine Ouvertüre zum geschäftlichen Teil. Der Kontext des Gesprächs ist jedoch wichtiger als sein formeller Anlass.
G7-Format: gemeinsame Sitzung statt bilaterales Treffen
Der G7-Gipfel findet vom 15. bis 17. Juni in Évian-les-Bains statt. Selenskyj ist zu einer Arbeitssitzung am 16. Juni eingeladen, die der Ukraine gewidmet ist. Nach Angaben eines hochrangigen amerikanischen Beamten, der unter der Bedingung der Anonymität mit Journalisten sprach, wird Trump an diesem Format teilnehmen – doch es ist kein separates bilaterales Treffen zwischen Selenskyj und Trump auf dem Gipfel geplant.
Trump wird stattdessen bilaterale Gespräche mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron sowie mit den Führungspersonen von Katar, den VAE, Ägypten und Indien führen. Die ukrainische Frage bleibt im Format „alle zusammen" – ohne direkten Vier-Augen-Dialog.
„Präsident Trump wird an der Arbeitssitzung mit den G7-Führungspersonen und Präsident Selenskyj teilnehmen"
Hochrangiger Beamter der US-Administration, Reuters
Was steckt hinter der Formulierung „Ideen zum Verhandlungsprozess"
Die diplomatische Woche vor dem Gipfel erwies sich als ereignisreich. Am 8.–9. Juni führte Selenskyj ein Telefonat mit Trumps Spezialgesandten Steve Witkoff und Jared Kushner. Laut Quellen wurden Parameter potenzieller Friedensabkommen erörtert: Fragen zur territorialen Integrität und Sicherheitsgarantien. Der offizielle Inhalt dieses Gesprächs wurde von Kiew nicht veröffentlicht.
Vor diesem Hintergrund bleibt die Formulierung Lytvyns – „Ideen zum Verhandlungsprozess" – absichtlich vage. Sie dokumentiert die Tatsache des Gesprächs, offenbart aber weder Positionen noch Vereinbarungen noch Mechanismen zu deren Umsetzung.
Erwartungen vom Gipfel in Évian
Nach Aussagen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist Selenskyjs Teilnahme an der G7-Sitzung für die „Wiederherstellung einer annähernden Positionierung" im Westen kritisch wichtig – angesichts von Anzeichen, dass die G7-Einheit zu bröckeln begann. Der Hauptfokus der Sitzung liegt laut Kyiv Post auf der Vereinbarung von Parametern potenzieller Friedensverhandlungen: Fragen territorialer Streitigkeiten und sanktionären Drucks auf Moskau.
- Die amerikanische Seite bestätigte Trumps Teilnahme am ukrainischen Thema – dies ist das erste solche Treffen auf G7-Ebene nach der Amtseinführung im Januar 2025.
- Das bisherige persönliche Treffen zwischen Selenskyj und Trump fand im Januar 2026 auf dem Davoser Forum statt.
- Der frühere Spezialgesandte Keith Kellogg nannte es am 11. Juni „positiv", dass der Verhandlungsprozess zwischen Kiew, Washington und Moskau derzeit ausgesetzt ist – dies gebe der Ukraine größeren Spielraum.
Bemerkenswert ist, dass Karoline Leavitt, Sprecherin des Weißen Hauses, auf einem Briefing bestätigte: bilaterale Treffen am Rande des Gipfels werden vorbereitet – doch zur Frage Selenskyjs antwortete sie ausweichend: „Wir arbeiten noch sehr aktiv an dem endgültigen Zeitplan".
Erklärung oder Verpflichtung?
Das Telefonat dokumentierte: Der Kommunikationskanal zwischen Kiew und Washington funktioniert. Aber keine der Quellen berichtete von konkreten Vereinbarungen – weder zu Waffen noch zu Waffenstillstand noch zu Sicherheitsgarantien. „Ideen zum Verhandlungsprozess" ohne Umsetzungsmechanismus – dies ist bislang ein diplomatisches Signal, keine Lösung.
Wenn die Seiten auf der G7-Sitzung am 16. Juni konkrete Parameter des Verhandlungsformats vereinbaren – mit klaren Bedingungen für Moskau und Verifizierung – kann man von einer echten diplomatischen Verschiebung sprechen. Falls nicht – wird Évian zu einem weiteren Gipfel mit „richtigen Signalen" ohne verbindliche Konsequenzen.