Nach der Verarbeitung der Protokolle von allen Wahllokaien kündigte die Zentrale Wahlkommission Armeniens die endgültigen Ergebnisse der Parlamentswahlen an: die Partei des amtierenden Premierministers Nikol Paschinjan „Zivilvertrag" erhielt etwa 50% der Stimmen.
Dieses Ergebnis bedeutet, dass Paschinjan die Kontrolle über das Parlament behält und die Regierung eigenständig bilden kann – ohne Koalitionsvereinbarungen, die normalerweise die Verantwortung für Entscheidungen verwässern.
Was hinter der Ziffer steckt
Fünfzig Prozent in einem Land, das eine militärische Niederlage in Bergkarabach 2020 erlitten hat, den Karabach selbst 2023 verloren hat und einen massiven Exodus der armenischen Bevölkerung von dort erlebt hat – das ist kein Triumph, sondern eher ein Mandat zur Fortsetzung des Kurses angesichts fehlender überzeugender Alternativen.
Die Opposition, ein großer Teil davon auf eine pro-russische Revanche oder Nostalgie nach einer „starken Hand" setzt, konnte sich nicht um ein einziges Programm konsolidieren. Die Stimmen zerstreuten sich zwischen mehreren Kräften – keine von ihnen überschritt die Hürde, die ausreicht für eine echte Herausforderung.
Der geopolitische Kontext ist nicht verschwunden
Paschinjan distanziert sich konsequent von Moskau: Armenien hat die Beteiligung an der OVKS eingefroren, entwickelt Beziehungen zur EU und führt Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit Aserbaidschan. Diese Schritte kosteten ihn einen Teil des Elektorats, doch die Wähler scheinen sich offenbar für Pragmatismus statt Revanche entschieden zu haben.
Eine offene Frage bleibt konkret: Wird das Mandat von 50% ausreichen, um einen Friedensvertrag mit Baku zu unterzeichnen – ein Dokument, das de jure den Verlust von Bergkarabach festschreiben würde und das ein Teil der armenischen Gesellschaft immer noch für inakzeptabel hält.