Drei Tage nach der Entscheidung der World Gymnastics – und schon hat die European Gymnastics abgestimmt. Am 21. Mai führte das Exekutivkomitee der Verbandes eine außerordentliche Online-Sitzung durch und beschloss, alle nach dem 24. Februar 2022 eingeführten Beschränkungen aufzuheben. Nun werden Sportler aus Russland und Belarus bei kontinentalen Wettkämpfen unter ihren eigenen Flaggen und zu ihren eigenen Nationalhymnen antreten.
Die Entscheidung wurde drei Jahre nach dem Erlass der „vorläufigen Regeln" durch eben diese Verbände getroffen, die infolge der Vollskalenoffensive eingeführt wurden. Wie Euromaidan Press berichtet, hat sich der Grund für die Existenz der Sanktionen – die andauernde Invasion Russlands in die Ukraine – nicht geändert. Keine der beiden Organisationen gab eine offizielle Erklärung ab, warum die Regeln gerade jetzt aufgehoben werden.
Was genau wurde beschlossen und wo wird das stattfinden
Gemäß der offiziellen Mitteilung von European Gymnastics folgt der Verband „der Entscheidung der World Gymnastics, alle Beschränkungen für die Teilnahme Russlands und Belarus aufzuheben, da die vorläufigen FIG-Regeln nicht mehr gelten". Die Entscheidung des Exekutivkomitees soll in Kürze von der Generalversammlung in einer außerordentlichen Online-Sitzung ratifiziert werden.
Die praktische Folge ist bereits konkret und datiert. Wie kroatische Medien berichten, findet die Europameisterschaft im Kunstturnen der Männer und Frauen im August 2026 in Zagreb statt; die Europameisterschaft in rhythmischer Sportgymnastik am gleichen Ort. Bei diesen Wettkämpfen werden russische und belarussische Athleten zum ersten Mal seit vier Jahren unter nationalen Flaggen auf kontinentaler Ebene antreten.
Präzedenzfall: wie der neutrale Status bereits Risse zeigte
Die Rückkehr der Symbole findet vor dem Hintergrund eines Vorfalls statt, der selbst die Wirksamkeit des „neutralen Status" in Frage stellt. Im April 2026 bei einem Weltcup-Wettkampf in Bulgarien stand die russische Turnerin Sofija Ilterakowa, unter neutralem Status antretend, mit dem Rücken während der Aufführung der ukrainischen Nationalhymne – nachdem die ukrainische Sportlerin Taisiia Onofriyčuk den ersten Platz belegt hatte. Der Gymnastikverband der Ukraine, geleitet von Iryna Deriugina, reichte einen „entschiedenen Protest" ein und forderte Gerechtigkeit, indem er Ilterakovas Verhalten als „demonstrative Missachtung des Staatssymbols der Ukraine" bezeichnete. Der Ad-hoc-Ausschuss der World Gymnastics untersuchte den Zwischenfall und veröffentlichte am 14. April eine Entscheidung – aber schon einen Monat später hob dieselbe Organisation alle Beschränkungen für dieselben Sportler auf.
Kontext: nicht der erste und nicht der letzte Fall
European Gymnastics ist Teil einer breiteren Welle. Wie UNITED24 Media anmerkt, geht die Entscheidung zur Gymnastik parallel mit ähnlichen Schritten der Internationalen Ringerverband (UWW) und World Aquatics, die schon früher die Rechte russischer und belarussischer Sportler vollständig wiederhergestellt haben. Gleichzeitig ist der Europäische Verband für Wassersportarten diesen Weg nicht gegangen und hat die Beschränkungen für erwachsene Nationalmannschaften beibehalten – was zeigt, dass es unter kontinentalen Strukturen keine Einheit gibt.
„Der Verband folgt der Entscheidung der World Gymnastics, alle Beschränkungen für die Teilnahme Russlands und Belarus aufzuheben, da die vorläufigen FIG-Regeln nicht mehr gelten".
Offizielle Mitteilung von European Gymnastics, 21. Mai 2026
Ukrainische Verbände für Wasserspringen und Synchronschwimmen forderten bereits eine Überprüfung der Entscheidung von World Aquatics und die Wiederherstellung der Sanktionen. Eine ähnliche öffentliche Reaktion vom Gymnastikverband der Ukraine auf die Entscheidung von European Gymnastics wurde bislang nicht in offiziellen Quellen registriert.
Falls die Generalversammlung von European Gymnastics die Entscheidung des Exekutivkomitees bis August ratifiziert – wird die Europameisterschaft in Zagreb der erste kontinentale Wettkampf sein, bei dem über dem Podium die Hymne eines Staates erklingen könnte, der derzeit aktive Kampfhandlungen gegen ein Mitgliedsland desselben Verbandes führt. Die Frage ist nicht rhetorisch: Wird das Konstrukt „Sport jenseits der Politik" standhalten, wenn auch nur eines der teilnehmenden Länder einen Boykott ankündigt?