Kurz und wichtig
Die Amerikanische Handelskammer in der Ukraine (AmCham) schätzt die Verluste der ukrainischen Landwirte durch die 10%ige Ausfuhrabgabe auf Soja und Raps auf etwa $180 Mio.. Das sind nicht nur abstrakte Zahlen in einer Tabelle: Es geht um die Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe, Deviseneinnahmen und die Wettbewerbsfähigkeit auf den europäischen Märkten.
Was geschehen ist
Im September 2025 trat ein Gesetz über eine 10%ige Ausfuhrabgabe auf Soja und Raps in Kraft. Offizielle Begründungen: Förderung der Inlandsverarbeitung, Auffüllung eines Sonderfonds im Staatshaushalt und Anreiz zur Schaffung von Mehrwert in der Ukraine. In der Praxis erwies sich die Wirkung jedoch als zwiespältig.
Zahlen und Verteilung der Verluste
Nach Einschätzung von AmCham (zitiert in Latifundist) erhielten die Landwirte wegen fallender Inlandspreise rund $130 Mio. weniger – besonders betroffen sind kleine und mittlere Produzenten, die nicht selbst exportieren und von Zwischenhändlern abhängig sind. Weitere etwa $50 Mio. flossen als Abgabe in den Staatshaushalt. Parallel dazu sanken die Deviseneinnahmen aus dem Export innerhalb von sechs Monaten um fast $1 Mrd. – am stärksten bei Raps (≈$400 Mio.), Soja (≈$240 Mio.) und Sonnenblumen (≈$345 Mio.).
„Diejenigen, die dieses Gesetz durchgesetzt haben, haben uns praktisch aus dem Rapsmarkt der Europäischen Union verdrängt, weil wir durch diese Exportabgaben nicht mehr wettbewerbsfähig sind.“
— Amerikanische Handelskammer in der Ukraine (AmCham), 25. März
Wer profitiert — wer verliert
Gewinner sind ukrainische Ölmühlen: Sie erhielten Rohstoffe billiger als die Exportpreise und steigerten die Verarbeitungsmengen (LIGA.net berichtete über diesen Effekt). Verlierer sind die Landwirte – besonders jene, die keinen direkten Zugang zu Auslandsmärkten haben; die lang erwartete Umorientierung auf Verarbeitung fand zwar schnell statt, erfolgte jedoch auf Kosten der Exportwettbewerbsfähigkeit des Landes.
„Die erste Vegetationssaison hat die Effektivität bestätigt – die Produktion von Öl und Schrot ist gestiegen, der Export verarbeiteter Produkte hat zugenommen.“
— Дмитро Киселевський, Abgeordneter und einer der Initiatoren der Änderungen
Warum es dazu kam — kurze Analyse
Der Mechanismus der Abgabe wirkt wie ein Umschalter der Nachfrage: Der Export wird eingeschränkt, ein Teil der Ernte verbleibt auf dem Binnenmarkt und drückt die Preise. Das macht Rohstoffe für inländische Verarbeiter günstiger, reduziert aber zugleich die Deviseneinnahmen und das Marktgewicht unserer Exporteure in der EU. Die Wirkung für die Landwirte zeigt sich unmittelbar – sie erhalten weniger für ihre Ernte; der Effekt für die Verarbeitung kann kurzfristig deutlich sein, garantiert aber keine langfristig tragfähige Wettbewerbsfähigkeit der Branche.
Folgen und Reaktionsoptionen
Kurzfristig: Anstieg der inländischen Ölproduktion (nach Prognosen der Befürworter der Änderungen – bis zu Rekordmengen bei Raps- und Sojaöl) und Vorteile für Verarbeitungsketten. Mittel- und langfristig: Risiko des Verlusts von Märkten in der EU, Rückgang der Deviseneinnahmen und Verschlechterung der finanziellen Lage landwirtschaftlicher Betriebe.
Die politische Entscheidung besteht jetzt darin, die Binnenumorientierung auf Kosten technischer Verluste für Landwirte und Devisen zu bezahlen, oder ausgewogenere Instrumente zu suchen: zielgerichtete Subventionen für Verarbeiter, temporäre Entschädigungen für Landwirte, Investitionen in Logistik und Exportinfrastruktur sowie eine schrittweise Einführung jeglicher tarifärer Mechanismen.
Fazit
Die Abgabe funktioniert als Instrument, aber nicht immer so, wie ihre Urheber es erwarteten: Sie kann schnell einen Vorteil für die Verarbeitung schaffen und zugleich die Exportbasis und die Einkünfte der Bauern untergraben. Nun liegt die Wahl bei den Politikern — das Instrument zu korrigieren, gezielter zu gestalten oder zu alternativen Fördermechanismen für den Agrarsektor zurückzukehren. Ob sie die Daten und wirtschaftlichen Risiken berücksichtigen, ist eine Frage nicht nur für die Landwirte, sondern für die gesamte Volkswirtschaft.
Quellen: Amerikanische Handelskammer in der Ukraine (AmCham), Latifundist, LIGA.net, öffentliche Aussagen des Abgeordneten Дмитро Киселевський.