Kurz und wichtig
Serbien plant, den bestehenden Vertrag über die Lieferung von russischem Gas um weitere sechs Monate — bis Oktober — zu verlängern. Die Nachricht veröffentlichte zuerst ExPro, und der Geschäftsführer des staatlichen Versorgers Srbijagas, Dušan Bajatović, erklärt dies mit pragmatischen Überlegungen zur Versorgungssicherheit und zu den Beständen im Untergrundspeicher.
Bestände und Logistik
Nach Angaben des Unternehmenschefs lagern im Speicher Banatski Dvor derzeit rund 400 Millionen Kubikmeter Gas. Das verschafft Belgrad ein Sicherheitskissen bis zum Ende der Heizsaison und ermöglicht es, den durchschnittlichen Tagesimport schrittweise von etwa 10 auf 6 Millionen Kubikmeter für den Zeitraum bis Oktober zu senken. Die maximale Tagesentnahme in dieser Saison erreichte 17,5 Millionen Kubikmeter.
"Im Untergrundspeicher Banatski Dvor befinden sich derzeit etwa 400 Millionen Kubikmeter Gas"
— Dušan Bajatović, Geschäftsführer von Srbijagas (laut ExPro)
Preis und Markt
Srbijagas kauft Gas zu einem Preis von rund 270 Euro pro 1.000 Kubikmeter, während Spotkurse an der Börse bei etwa 350 Euro lagen. Das verschafft Belgrad einen kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteil — und einen weiteren Grund, die Diversifizierung vom russischen Lieferanten nicht zu beschleunigen.
Warum das für Europa und die Ukraine wichtig ist
Die Entscheidung Serbiens hat mehrere Folgen: Erstens unterstreicht sie, dass Sanktionen und politischer Druck die Energieversorgung nicht immer sofort auf neue Gleise setzen. Zweitens verschärft sie den Wettbewerb um begrenzte Mengen alternativer Lieferungen (etwa aus Aserbaidschan), die kurzfristig nicht vollständig den Bedarf der Region decken können. Drittens erschwert eine solche Wahl die Arbeit der europäischen Koordination in der Energiepolitik — von Entscheidungen über gemeinsame Beschaffungen bis zur Umsetzung von Sanktionen.
Politischer und wirtschaftlicher Kontext
Diese Entscheidung hat auch geopolitische Dimensionen. Zuvor hatten die USA Sanktionen gegen die serbische Öl- und Gasgesellschaft NIS verhängt, und einige Nachbarn — etwa Kroatien — diskutierten Übergangsmodelle der Versorgung und sogar den Kauf von Anteilen an serbischen Energieunternehmen. Belgrad demonstriert hingegen Pragmatismus: Es sichert die energetische Stabilität für Bevölkerung und Wirtschaft, auch wenn das bedeutet, politischen Druck vorübergehend zu ignorieren.
Wie geht es weiter?
Die Optionen sind begrenzt: Entweder bieten Partner Serbien reale technische und finanzielle Alternativen (Infrastrukturausbau, gemeinsame Beschaffungen, Subventionen für Diversifizierung), oder Belgrad wählt erneut den Weg, der kurzfristige Stabilität auf Kosten einer längeren Bindung an den russischen Markt garantiert. Für die Ukraine ist das ein weiteres Signal: Energiesicherheit in Europa ist nicht nur eine Frage von Sanktionen oder Rhetorik, sondern von Infrastruktur, Geld und Vertrauen.
Zusammenfassung: Die Entscheidung Serbiens ist aus Sicht des Risikomanagements nachvollziehbar, stellt die EU und ihre Partner jedoch vor eine konkrete Frage — sind sie bereit, politische Solidarität in reale Instrumente zu verwandeln, die es den Ländern der Region ermöglichen, ihre Energieabhängigkeit von Moskau aufzulösen?