Ein stellvertretender Leiter der Staatlichen Steuerbehörde wurde auf den Aufnahmen des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) gezeigt, die im Rahmen der Ermittlungen zur Operation „Karthago" gemacht wurden. Die Aufnahmen wurden am Samstag auf dem YouTube-Kanal des Nationalen Antikorruptionsbüros veröffentlicht.
Der neue Fall betrifft nicht nur einen einzelnen Bestechungsfall, sondern eine ganze Hierarchie: die „Protektion" eines Netzwerks betrügerischer Call-Center und die anschließende Legalisierung der erhaltenen Gelder in der Ukraine und im Ausland.
Wer ist der „Kanzler"
Nach Angaben der Ermittler ist der Anführer der Organisation eine Person mit dem Pseudonym „Kanzler" – eine enge Vertrauensperson seines Beschützers „Chef". Der „Chef" war einst Leiter der Staatlichen Steuerbehörde der Ukraine und behielt auch nach seiner Entlassung erheblichen Einfluss auf die Behörde.
Nach Angaben des NABU nutzte die Gruppe gerade diesen Einfluss, um eine loyale Person in die Führung der Steuerbehörde zu bringen: Der „Kanzler" soll persönlich die Ernennung seines Vertrauten durch das Kabinett zur Stelle des stellvertretenden Leiters der Steuerbehörde beeinflusst haben.
Der Einfluss auf den stellvertretenden Leiter der Steuerbehörde wurde nicht nur durch Protektion bei der Ernennung ausgeübt, sondern auch durch systematische finanzielle Bestechung, wie die NABU-Aufnahmen belegen.
Das Büro geht davon aus, dass der „Kanzler" aufgrund seines Ansehens und seiner Verbindungen die direkte Möglichkeit hatte, die „Schwarzgeldzahlungen" für diesen stellvertretenden Leiter der Steuerbehörde zu beeinflussen – es geht also nicht um eine einmalige Bestechung, sondern um regelmäßige Zahlungen für Loyalität.
Eine Zeitleiste, die aufhorchen lässt
Der „Kanzler" selbst wurde im August 2025 zur Führungsposition im Büro des Generalstaatsanwalts ernannt. Die aktive Ermittlungsphase des NABU und die Durchsuchungen in Bukowel, die die Verdächtigen dazu zwangen, schnell Spuren zu verwischen, fanden am 16. Juli 2026 statt – fast ein Jahr später.
In dieser Zeit ernannte die Regierung zwei stellvertretende Leiter der Steuerbehörde – Teodosija Chernetska und Igor Pantschenko. Bei den NABU-Aufnahmen ist eine Stimme zu hören, die angeblich einem stellvertretenden Leiter der Steuerbehörde gehört – eine männliche Stimme, was den Kreis der Verdächtigen einengt, aber keinen Namen offiziell bestätigt.
Reaktion der Steuerbehörde: Verdacht ist kein Beweis
Die Staatliche Steuerbehörde erklärte, dass sie die NABU-Ermittlungen unterstützen werde, betonte aber die Notwendigkeit einer objektiven und unvoreingenommenen Faktenermittlung ohne voreilige Schlussfolgerungen.
„Öffentliche Erwähnungen oder sogar Verdacht sind kein Beweis für Schuld. Schuld kann nur ein Gericht feststellen", heißt es in einem Kommentar der Steuerbehörde.
Formal ist das korrekt: Bislang wurden in dem Fall keine offiziellen Verdachtsmomente veröffentlicht, es gibt nur Audioaufnahmen und die Version der Ermittler. Aber die Geschichte selbst zeigt, wie das alte Netzwerk des Einflusses nach dem Führungswechsel in der Steuerbehörde angeblich nicht verschwunden ist, sondern nur in den Schattenmanagement-Modus übergegangen ist.
Kontext der Führung der Steuerbehörde
- Von Dezember 2024 bis Juni 2025 war Ruslan Krawtschenko Leiter der Staatlichen Steuerbehörde, bevor er zum Generalstaatsanwalt ernannt wurde.
- Seitdem leitet Lesia Karnaukh die Steuerbehörde als kommissarische Leiterin.
Die Frage ist nun einfach: Wird das NABU den systematischen Charakter der Bestechung vor Gericht nachweisen können, oder wird der Fall auf aufsehenerregende Aufnahmen ohne persönliche Verdachtsmomente gegen einen bestimmten stellvertretenden Leiter der Steuerbehörde beschränkt bleiben?