Selenskyjs Position: Verhandlungen als faktisches Zugeständnis
Das Interview des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit der japanischen Agentur Kyodo News, ein Auszug aus dem Präsidialamt veröffentlicht wurde, enthält einen klaren Rahmen: Für die Ukraine ist bereits die Tatsache des Dialogs mit dem Aggressor ein bedeutendes Kompromisszeichen. Das ist keine Kapitulationsdeklaration — es ist eine pragmatische Position, die zugleich den Weg zu Verhandlungen öffnet und zugleich rote Linien zieht.
"Deshalb ist bereits unser Kompromiss, dass wir mit dem Aggressor über Kompromisse sprechen. 'Wir stehen dort, wo wir stehen' — das ist ein großer Kompromiss. Sie haben fast 20 % unseres Territoriums besetzt. Und wir sind jetzt bereit, über Frieden auf der Grundlage des Prinzips 'wir stehen dort, wo wir stehen' zu sprechen. Das ist ein großer Kompromiss"
— Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine (Interview mit Kyodo News; Auszug veröffentlicht vom Präsidialamt)
Warum das wichtig ist
Erstens geht es um die Neudefinition des Kompromissbegriffs. Wenn Verhandlungen nach dem Prinzip "wir stehen dort, wo wir stehen" geführt werden, werden faktisch die Grundlagen für die Festschreibung der Frontlinien gelegt — und damit für die politisch-rechtliche Abstimmung künftiger Grenzen. Für die Gesellschaft ist das eine Schlüsselfrage: Soll das Ziel jetzt die Erhaltung der Staatlichkeit sein, oder soll man auf die vollständige Befreiung der Gebiete in der Zukunft warten?
Zweitens ist es ein Signal an die Partner: Die Ukraine ist zum Dialog bereit, aber nicht auf Kosten ihrer Souveränität. Diese Haltung ist pragmatisch — sie bewahrt zugleich internationale Legitimität und erlaubt es, die Bereitschaft des Gegners zu echten Zugeständnissen zu testen.
Internationaler Kontext und Stimmen im Umfeld
Selenskyj wies darauf hin, dass eine Reihe von Vermittlern — namentlich Staaten des Nahen Ostens und Asiens — Russland bereits als Aggressor anerkennen. Das ist eine wichtige diplomatische Ressource: Wenn die Vermittler diesen Rahmen beibehalten, werden die Verhandlungen eine andere rechtliche und politische Bedeutung haben als ein Dialog, der mit Forderungen des Gegners beginnt.
In der Chronik: Am 13. Februar 2026 betonte Sibyha, dass die Ukraine auf einen Kriegsabschluss hinarbeitet und trotz unterschiedlicher Positionen am Verhandlungsprozess teilnimmt. Zuvor, am 14. Dezember 2025, sprach Selenskyj über die Rolle des Drucks seitens der USA als Faktor, der Russland zu Zugeständnissen bewegen könnte. Diese Daten unterstreichen: Die Gesprächsbereitschaft wird von einer diplomatischen Strategie und Erwartungen an die Partner begleitet.
Was das für jeden von uns bedeutet
Für die Bürger ist das eine Frage dreier Interessen: Sicherheit (weniger aktive Kampfhandlungen im Falle eines Waffenstillstands), Souveränität (Schutz staatlicher Rechte an den Gebieten) und Wiederaufbau (Möglichkeit, Renovierungs- und Rückkehrpläne zu entwickeln). Gleichzeitig besteht das Risiko, eine fremde Annexion zu legitimieren — weshalb die Bedingungen jeglicher Verhandlungen transparent sein und von internationalen Garantien gestützt werden müssen.
Fazit
Selenskyjs Position ist ein pragmatischer Schachzug: reden, aber die Souveränität nicht preisgeben. Weiteres wird davon abhängen, ob die Partner die Bereitschaft zum Dialog in klare Garantien und Kontrollmechanismen übersetzen. Die verbleibende Frage lautet: Wird die internationale Gemeinschaft solche Garantien schneller sichern können, als das Verhalten des Aggressors die Ausgangsbedingungen der Verhandlungen verändert?