Moskau rechnete mit der Passivität der Ukrainer: Warum die Einschätzung von „10 %“ fatal war

Die russische Führung hatte erwartet, dass die Mehrheit der Ukrainer entweder die Besetzung unterstützen oder keinen Widerstand leisten würde. Dieser Irrtum betrifft nicht nur Zahlen, sondern vor allem strategische Konsequenzen, die den Verlauf der Invasion verändert haben. Wir analysieren die Gründe und welche Folgen sich daraus für die Sicherheit der Ukraine ergeben.

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Кремль (Ілюстративне фото: Maxim Shipenkov/EPA)

Die Position Moskaus: Auf Apathie gesetzt

Die Zeitung The Guardian, die sich in einem Bericht auf Interviews mit ehemaligen und amtierenden Beamten sowie auf Geheimdienstinformationen beruft, berichtete, dass Russland vor der großangelegten Invasion damit rechnete, dass nur 10% der Ukrainer Widerstand leisten würden. Diese Annahme wurde zu einem zentralen Element bei der Planung der Operation und erklärt, warum der Kreml auf eine relativ schnelle Kontrolle über große Teile des Territoriums setzte.

„Moskau ging davon aus, dass nur 10% der Ukrainer dem Einmarsch Widerstand leisten würden“

— The Guardian (nach Interviews mit ehemaligen und amtierenden Beamten und Vertretern der Geheimdienste)

Warum die Einschätzung von 10% strategisch gefährlich war

Selbst wenn man diese Zahl wörtlich nimmt — 10% der Ukraine bedeuten etwa 4 Mio. Menschen. Westliche Geheimdienste hielten laut demselben Bericht die von Russland aufgebotenen Kräfte für unzureichend, um einem solchen Widerstand Herr zu werden. Die Fehleinschätzung der Anzahl aktiver Gegner ignorierte nicht nur demografische Faktoren, sondern auch die soziale Dynamik des Widerstands: lokale Netzwerke, Logistik und die Bereitschaft der Zivilbevölkerung zu asymmetrischem Handeln.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Art und Weise, wie westliche Dienste das Verhalten Putins interpretierten: Ein Teil der Analysten ging von seiner „Rationalität“ aus und sah die Risiken als große Hemmnisse für die Umsetzung eines Plans. Dennoch soll die Entscheidung für die großangelegte Invasion bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2020 gefallen sein, was auf systematische Vorbereitungen trotz der Zweifel der Partner hindeutet.

Stimmung in der Gesellschaft: Zahlen, die die Erwartungen des Kremls widerlegen

Stimmungsumfragen der Bevölkerung nach Beginn der großangelegten Invasion bestätigen, dass die Realität von den russischen Annahmen abwich. So zeigten Umfragen des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KMIS), dass am 9. Oktober 2025 54% der Ukrainer kategorisch gegen jegliche territoriale Zugeständnisse waren. Eine weitere Umfrage vom 25. Oktober verzeichnete, dass 91% ein negatives Verhältnis zur Russischen Föderation und 85% ein negatives Verhältnis zu ihren Bürgern haben.

„54% der Ukrainer sind kategorisch gegen jegliche territorialen Zugeständnisse“

— KMIS, Umfrage vom 9. Oktober 2025

Folgen für Operationen und Informationsstrategie

Der Fehler in der Einschätzung der zivilen Standfestigkeit wirkte sich auf Logistik und das Tempo der Offensive aus: Kräfte, die auf die Kontrolle einer passiven Gesellschaft ausgelegt waren, sahen sich gezwungen, sich an einen breit angelegten Widerstand anzupassen. Das verzögerte wiederum Pläne, erhöhte Risiken und zwang zu einem Taktikwechsel — von schneller Besetzung hin zu einer langwierigen Operation zur Gebietsbeherrschung.

Schlussfolgerung: Was das heute bedeutet

Dieser Fall ist ein Beispiel dafür, wie wichtig soziale Faktoren in der modernen Kriegsführung sind. Nicht nur Technik und Truppen entscheiden über den Ausgang, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich zu mobilisieren und auf Kompromisse zu verzichten, die ihre Souveränität untergraben würden. Für die Partner der Ukraine ist das ebenfalls ein Maßstab: Investitionen in gesellschaftliche Resilienz, Aufklärung und die Unterstützung der Verteidigungsinfrastruktur sind keine Emotionen, sondern praktische Sicherheit.

Die Frage ist nun nicht nur, was geschehen ist, sondern ob Moskau die entsprechenden Schlussfolgerungen gezogen hat. Und ob die Partner der Ukraine ihre Deklarationen der Unterstützung in langfristige Ressourcen umwandeln werden, die die gesellschaftliche Standfestigkeit in eine reale Verteidigungsstrategie überführen.

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