Liste ohne Mandat: Warum der Name des neuen ukrainischen Botschafters in den USA bereits ohne Bankowa diskutiert wird

Die amerikanische Expertin Melinda Hering schlug Selenskyj öffentlich vier Kandidaten für Washington vor – und zeigte damit, wie sehr das Machtvakuum rund um diesen Posten allen zugute kommt, nur nicht dem Präsidenten selbst.

47
Teilen:

Die Stelle wurde noch nicht einmal formell als vakant für einen öffentlichen Wettbewerb ausgeschrieben, doch eine Liste von Kandidaten existiert bereits – allerdings wurde sie nicht vom Bankowa-Gebäude zusammengestellt, sondern von einer amerikanischen Forscherin. Melinda Hering, eine bekannte Ukraine-Analystin, veröffentlichte einen offenen Brief mit vier Namen: Pavlo Unhurian, Sergij Husowskij, Iwanna Klympusch-Zyncadse und Andrij Stawnicer. Anlass war die Entlassung von Olha Stefanischyna aus ihrer Position als Botschafterin in den Vereinigten Staaten.

Hering selbst vermerkt ehrlich die Rahmenbedingungen: Dies ist ihr persönliches Fachgutachten, keine offizielle Liste. Doch genau darin liegt die Intrige – wenn das Präsidentenbüro und das Außenministerium schweigen, füllt jemand anderes den öffentlichen Raum.

Warum gerade jetzt

Die Stelle des Botschafters in Washington ist keine technische Personalrotation. Dies ist eine Position, von der die tägliche Kommunikation mit einer Administration abhängt, die in der Lage ist, Finanzierung, Waffen und politische Unterstützung zu gewähren oder zu verweigern. Stefanischyna wurde gleichzeitig mit Botschaftern in Kroatien, Albanien, Montenegro und Pakistan entlassen – oberflächlich betrachtet eine Routinepersonalversetzung in der Diplomatie. Doch gerade die Washingtoner Vakanz öffnete sich in einem Moment, in dem die ukrainische Seite einen funktionierenden Kanal zu beiden Lagern der amerikanischen Politik dringend benötigt.

Hering betonte, dass der neue ukrainische Botschafter in den USA fließend Englisch sprechen, mit der Administration von Donald Trump und dem Kongress arbeiten können, Kontakte zu Vertretern beider großen amerikanischen Parteien, der Wirtschaft und religiöser Organisationen pflegen können muss. Dies ist praktisch eine Aufgabe, nach der jeden der vier Namen in dem Brief ausgewählt wurde.

Wem nützt genau diese Liste

Jeder Kandidat deckt sein Segment des amerikanischen politischen Feldes ab, und dies ist kein Zufall:

  • Pavlo Unhurian – verfügt über breite Kontakte unter amerikanischen Republikanern sowie über Erfahrung in der Zusammenarbeit mit religiösen und konservativen Kreisen der USA, das heißt ein direkter Zugang zum trumpistischen Wählerkern.
  • Sergij Husowskij – Unternehmer und ehemaliger Abgeordneter des Kiewer Stadtrats, Englischkenntnisse, unternehmerische Erfahrung und Kommunikationsfähigkeiten, Fokus auf Business-Dialog statt auf Parteipolitik.
  • Iwanna Klympusch-Zyncadse – Abgeordnete der Partei „Europäische Solidarität", Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für die Integration der Ukraine in die Europäische Union, mit Erfahrung in Außenpolitik, europäischer und euroatlantischer Integration sowie Kontakten in Washington – aber gleichzeitig Vertreterin einer zur Partei von Selenskyj oppositionellen Partei.
  • Andrij Stawnicer – Mitgründer des Rehabilitationszentrums Superhumans, mit Erfahrung in der Zusammenarbeit mit internationalem Geschäft, Investoren und Wohltätigkeitsorganisationen, das heißt ein Kanal zum philanthropischen und investorenaffinen Washington.

Hering nannte auch einen offensichtlichen Kandidaten, den sie selbst nicht empfiehlt zu bewegen: den Ersten Stellvertreter des ukrainischen Außenministers Sergij Kyslyzja. Sie bezeichnete ihn als offensichtlichen Kandidaten angesichts seiner diplomatischen Erfahrung, ist aber gleichzeitig der Ansicht, dass er nicht nach Washington verlegt werden sollte, da die Ukraine ihn auf seiner jetzigen Position und im Verhandlungsprozess braucht. Dies ist der eigentliche Konflikt der Wahl: Ein erfahrener Diplomat wird an zwei Orten benötigt, doch die Ressourcen sind begrenzt.

Reaktion der Gegenseite – Stille als Position

Die aufschlussreichste Reaktion ist ihre Abwesenheit. Stand 6. August hat das Präsidentenbüro und das Außenministerium der Ukraine öffentlich nicht mitgeteilt, wen sie für die Position des neuen Botschafters in den USA in Betracht ziehen. Für das Bankowa-Gebäude ist Schweigen eine Möglichkeit, oppositionellen politischen Kräften keinen Grund zu geben, zu behaupten, dass die Macht nach einer externen Liste ausgerichtet wird. Für Unterstützer von Klympusch-Zyncadse und der „Europäischen Solidarität" hingegen ist die öffentliche Unterstützung durch eine einflussreiche amerikanische Analystin Druck, den man nur schwer vollständig ignorieren kann, selbst wenn official niemand ihre Kandidatur bestätigt.

Der eigentliche Konflikt liegt hier nicht zwischen den Namen, sondern zwischen zwei Ernennungslogiken: Wenn ein Botschafter nach Fach- und Parteiausgleich innerhalb des Landes ausgewählt wird – oder wenn das Hauptkriterium die Fähigkeit ist, die Sprache der aktuellen Washingtoner Administration zu sprechen, unabhängig davon, aus welchem politischen Lager in Kiew die Person stammt.

Herings Liste ist kein Vorschlag, wen man ernennen sollte, sondern ein Signal dafür, welche Kompetenzen der ukrainischen Diplomatie in den USA derzeit am meisten fehlen.

Die Frage, die offen bleibt: Wird Selenskyj die öffentlich genannte Liste als Grundlage nehmen und das Risiko eingehen, von einem externen Hinweis abhängig zu wirken – oder wird er umgekehrt einen ganz anderen Namen wählen, genau um zu zeigen, dass Personalentscheidungen in Kiew getroffen werden und nicht in Washingtoner Expertenkreisen?

Weltnachrichten