Am 14. April 2026 kündigte RTX an, dass ihre Tochtergesellschaft Raytheon einen Vertrag über 3,7 Milliarden Dollar für die Lieferung von Patriot GEM-T-Abfangjägern an die Ukraine unterzeichnet hat. Das Geschäft ist als direkter kommerzieller Verkauf (direct commercial sale) strukturiert – also ohne staatliche Vermittlung durch den FMS-Mechanismus (Foreign Military Sales). Dies bedeutet eine kürzere Genehmigungskette, aber auch weniger öffentliche Berichterstattung über Lieferzeiten und -mengen.
Was ist GEM-T und warum ist es jetzt entscheidend
Patriot GEM-T ist eine modernisierte Version der PAC-2-Rakete, die zur Bekämpfung von taktischen Flugkörpern, Marineflugkörpern und Flugzeugen entwickelt wurde. Genau dieser Abfangjäger-Typ bildet die Grundlage der ukrainischen Luftverteidigungsanlage gegen Iskander und ballistische Kh-23-Raketen. Raytheon bestätigte, dass GEM-T „zur Abwehr aller Arten von Luftbedrohungen entwickelt wurde, einschließlich taktischer ballistischer Flugkörper".
Der Kontext des Vertrags ist wichtig: Nach Angaben des EU-Kommissars für Verteidigung Andrius Kubilius lag die Effizienz des Patriot in der Ukraine Anfang 2025 bei etwa 40% und sank weiter – aufgrund der Modernisierung russischer Raketen. Ein Inspekteur des US-Verteidigungsministeriums dokumentierte Mitte 2025, dass die Ukraine „Schwierigkeiten bei der stabilen Anwendung von Patriot" gegen Bedrohungen mit abrupten Flugbahnänderungen hat. Der neue Vertrag zielt direkt darauf ab, die erschöpften Bestände aufzufüllen.
Schrobenhausen: Warum das Werk in Bayern zum Knotenpunkt wurde
Eine zentrale Rolle bei der Ausführung des Vertrags wird ein neues Produktionswerk in Schrobenhausen (Bayern) unter der Verwaltung von COMLOG spielen – ein Joint Venture von Raytheon und MBDA Deutschland. Das Werk wurde speziell dazu geschaffen, die Abhängigkeit von einer einzigen amerikanischen Lieferkette zu verringern und die „Lieferkettenresilienz" für Verbündete zu gewährleisten.
„Raytheon investiert erhebliche Mittel in die Steigerung der GEM-T-Produktion, um die wachsende globale Nachfrage zu befriedigen – durch interne Investitionen, Initiativen zur Zweitleistung und Expansion der globalen Lieferkette".
RTX, Pressemitteilung, 14. April 2026
Die „Zweitleistung" (second-sourcing) ist ein Schlüsseldetail: Raytheon versucht, die Produktion kritischer Komponenten zu duplizieren, um Ausfallzeiten aufgrund von Engpässen bei einem einzelnen Subunternehmer zu vermeiden.
Was bleibt unbekannt
- Lieferfristen – Raytheon hat diese nicht offengelegt. Der direkte kommerzielle Verkauf verpflichtet nicht zur öffentlichen Offenlegung eines Zeitplans.
- Anzahl der Abfangjäger – bei geschätzten Kosten von etwa 4–5 Millionen Dollar pro GEM-T könnte der Vertrag 700 bis über 900 Raketen umfassen, aber es gibt keine offiziellen Zahlen.
- Finanzierungsquelle – ob dies Mittel der Ukraine selbst, von Verbündeten oder Teil eines umfassenderen Hilfepaketes sind – wurde nicht öffentlich bestätigt.
Patriot ist derzeit in 19 Ländern stationiert. Der Vertrag für die Ukraine ist der größte einzelne direkte kommerzielle GEM-T-Verkauf in der gesamten Programmgeschichte.
Wenn Schrobenhausen die angestrebte Kapazität erreicht und die Zweitleistung wie geplant funktioniert, könnte das Tempo der Bestandsauffüllung in der Ukraine erstmals das Verbrauchstempo bei Stellungskämpfen übersteigen – aber nur unter der Bedingung, dass Russland die Produktion ballistischer Flugkörper nicht schneller beschleunigt, als COMLOG das neue Fließband aufbaut.