In der Nacht zum 15. Juni führte Russland einen Anschlag auf das Nationale Filmstudio Aleksandr Dowschenko in Kiew durch. Nach vorläufigen Angaben erlitt das Objekt im Rajon Schewtschenko mindestens zwei direkte Treffer. Ein Feuer brach in der Kostümabteilung aus – und mit ihm verschwand eine Sammlung, die das Studio fast hundert Jahre lang zusammentrug.
Was brannte ab
Generaldirektor des Filmstudios Andrij Donchyk berichtete in der Sendung „Frühstück mit 1+1" über das Ausmaß der Verluste: etwa 100.000 Kostüme und ungefähr drei Millionen Kleidungsstücke sowie Requisiten wurden vollständig zerstört. Darunter befanden sich Kosakengewänder, Kleidung für die Darstellung von Bogdan Chmelnitski und Artefakte, die in Dutzenden wegweisender ukrainischer Filme verwendet wurden.
„Dies ist eine einzigartige Sammlung und sie wurde vollständig zerstört. Kosaken-Kostüme, Kleidung von Bogdan Chmelnitski, zahlreiche historische Artefakte verschwunden. All das wurde genau hier gelagert."
Andrij Donchyk, Generaldirektor des Nationalen Filmstudios Dowschenko
Beschädigungen wurden auf fast dem gesamten Gelände des Studios dokumentiert – nicht nur in der Kostümabteilung. Besonders das Filmarchiv ist gefährdet.
Ein Studio, das fast hundert Jahre alt ist
Das Filmstudio wurde 1928 gegründet. In den folgenden Jahrzehnten entstanden hier „Die Erde" von Aleksandr Dowschenko, „Schatten der vergessenen Ahnen" von Sergei Paradschanov, „In den Kampf gehen nur die Alten" und „Zwei Hasen". Der Film „Der Regenbogen" von 1944 gewann einen Oscar. Die Filme des Studios sind Teil der Lehrpläne von Filmschulen in den USA, Kanada, Frankreich und Japan. Die Kostümsammlung wurde parallel zu dieser Geschichte aufgebaut – jeder große Film hinterließ hier einen Teil seiner Garderobe.
Dies war nicht der erste Anschlag auf das Objekt: Zuvor hatte eine Druckwelle während eines massiven Beschusses Kiews die Produktionsräume und das Hotelgebäude auf dem Studiogelände beschädigt. Damals blieb es ohne Feuer. Diesmal nicht.
Kultureller Verlust in Zahlen und darüber hinaus
Das Kulturministerium bereitet eine offizielle Schadensersatzbewertung vor und dokumentiert die Folgen für die internationale Erfassung. Vizeministerpräsidentin für Humanitärpolitik Tetjana Bereshna betonte, dass die verlorene Sammlung nicht nur einen materiellen, sondern auch unersetzlichen historischen Wert hatte – sie spiegelte die Entwicklung des ukrainischen Kinos über mehrere Generationen wider.
Es ist wichtig, das Ausmaß zu verstehen: drei Millionen Einheiten – das ist mehr als die Bestände der meisten europäischen Theaterkostümabteilungen zusammengenommen. Es geht nicht um Lagerverwerte, sondern um Material, das bis vor kurzem aktiv während Filmaufnahmen, Theateraufführungen und Kulturprojekten verwendet wurde. Einige Gegenstände hatten keine Entsprechungen – sie wurden speziell für bestimmte Filme handgefertigt, ohne Dokumentation, ohne Kopien.
„Russland setzt seine absichtlichen Anschläge nicht nur auf die Zivilinfrastruktur und Zivilisten, sondern auch auf Kulturinstitutionen fort, die die ukrainische Identität bewahren."
Tetjana Bereshna, Kulturministerin der Ukraine
Was kommt danach
Die endgültigen Schadensersatzzahlen werden nach der Arbeit spezieller Kommissionen bekannt gegeben. Das Archiv des Filmstudios ist derzeit gefährdet – sein Zustand wird separat bewertet. Die internationale Erfassung der Zerstörungen könnte Teil zukünftiger Reparationsklagen werden, doch der Mechanismus für den Schadensersatz für Kulturerbe hat noch keinen klaren rechtlichen Präzedenzfall im internationalen Recht.
Wenn das Filmstudio-Archiv nicht evakuiert oder physisch vor dem nächsten massiven Anschlag geschützt wird, riskiert die Ukraine nicht nur die Kostüme zu verlieren – sondern auch Filme und Dokumentation, die nach dem Sieg durch kein Geld ersetzt werden können.