Die Regierungsumbildung unter der Leitung des neuen Premierministers Sergij Korezkyj könnte die Ukraine um ein eigenständiges Ministerium für Agrarpolitik bringen – das erste Mal seit dessen Auflösung durch Kabinettsbeschluss im Juli 2025. Laut Quellen von LIGA.net und RBK-Ukraine werden für die Position des Ministers zwei Kandidaten in Betracht gezogen. Der Hauptkandidat ist Taras Vysotskij, derzeitiger stellvertretender Minister für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft. Ein zweiter Kandidat wurde bislang von keinem der Medien öffentlich genannt: Die Quellen sprechen nur von einer „alternativen Kandidatur".
Warum das größte Ministerium aufteilen
Das Ministerium für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft – das größte in der Geschichte des Landes nach seinem Umfang – soll in zwei separate Behörden aufgeteilt werden: das Ministerium für Wirtschaft und Ökologie (bleibt unter Oleksij Sobolew) und das neue Ministerium für Agrarpolitik. Der formale Grund ist die europaintegrative Architektur: Die EU verlangt von Kandidatenländern eine separate staatliche Behörde zur Verwaltung der Agrarunterstützung.
Der praktische Grund sind Gelder. Nach Aussage von Taras Vysotskij werden durch die kürzlich gegründete Zahlstelle jährlich etwa 250 Mrd. Griwnja verteilt – eine Kombination aus staatlichen Zuschüssen und Mitteln der Europäischen Kommission. Bereits 2026 sollen von der EU 480 Millionen Euro zur Inbetriebnahme der Agentur bereitgestellt werden – unter der Bedingung, dass diese die Akkreditierung durch die Europäische Kommission erhält, die die Zuverlässigkeit von Kontroll- und Buchführungssystemen bestätigt.
„Die Ernennung der Zahlstelle eröffnet die praktische Phase der Einführung des europäischen Modells der staatlichen Agrarförderung in der Ukraine"
Denys Bashlyk, stellvertretender Minister für digitale Entwicklung des Ministeriums für Agrarpolitik
Was die Reorganisation für Landwirte ändert
Die Funktionen der Zahlstelle führt seit dem 1. Juli der Ukrainische Staatsfonds zur Unterstützung landwirtschaftlicher Betriebe aus – eine Haushaltseinrichtung, die durch die Kabinettsverordnung Nr. 1526-р vom 31. Dezember 2025 definiert wurde. Durch ihn fließen sowohl staatliche Unterstützung als auch Mittel der Europäischen Kommission und anderer Geber. Für den kleinen Landwirt bedeutet dies ein einziges Anmeldefenster anstelle verstreuter Programme – aber nur dann, wenn die Agentur wirklich funktioniert und die EU-Akkreditierung erhält.
Der Agrarsektor generiert etwa 20% des BIP der Ukraine und ist die Hauptquelle für Deviseneinnahmen. Daher geht es nicht nur darum, wer das neue Ministerium leitet, sondern auch darum, welches Verteilungsmodell der künftige Minister für die Unterstützung einführt: direkte Hilfe für Landwirte nach dem Vorbild der GAP (Gemeinsame Agrarpolitik der EU) oder hauptsächlich für große Agrarkonzerne, wie dies bislang der Fall war.
Warum Vysotskij der Favorit ist, aber nicht die einzige Option
Vysotskij ist der Architekt der aktuellen Reform: Er betreute die Verhandlungen über die Zahlstelle und verteidigte öffentlich die Zahl von 250 Mrd. Griwnja. Seine Ernennung würde institutionelle Kontinuität gewährleisten. Gleichzeitig signalisiert das Vorhandensein eines zweiten Kandidaten, dass es innerhalb der Koalition unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wie das neue Agrarpolitische Zentrum aussehen soll – technokratisch oder stärker dem großen Geschäft zugeneigt.
Die Werchowna Rada muss in den nächsten Tagen über die aktualisierte Zusammensetzung des Kabinetts abstimmen. Wenn die Europäische Kommission die Akkreditierung der Zahlstelle bis Ende 2026 bestätigt, ist dies der erste echte Test für den neuen Minister: Ob die 480 Millionen Euro bis zu den Landwirten nach einem transparenten Schema gelangen oder in großen Strukturen mit indirekten Verbindungen zum Präsidialbüro steckenbleiben.