Der französische Automobilsektor hat von 2010 bis 2023 ein Drittel der Arbeitsplätze verloren: Risiken für Europa und Chance zur Umrüstung

INSEE stellt einen Rückgang der Beschäftigung in der französischen Autoindustrie von 425,5 Tausend auf 286,8 Tausend fest – das betrifft nicht nur Arbeitsplätze, sondern die industrielle Leistungsfähigkeit der EU und die Möglichkeit, stillstehende Kapazitäten auf strategische Bedürfnisse umzulenken.

27
Aktie:
Роботизована лінія в цеху на промисловому майданчику Refactory компанії Renault Group у Флінс-сюр-Сен, на схід від Парижа, Франція, 3 вересня 2025 року (фото - EPA)

Kurz

Nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsforschung Frankreichs (INSEE) ist die Beschäftigung in der Automobilbranche des Landes von 425 500 im Jahr 2010 auf 286 800 im Jahr 2023 gesunken — damit gingen fast 139 000 Arbeitsplätze verloren, etwa 33%. Dies umfasst sowohl Fahrzeughersteller als auch Zulieferer von Ausrüstung und Komponenten.

Wichtige Details

Am stärksten betroffen waren die Fahrzeughersteller selbst: Ihre Beschäftigung sank von 131 400 auf 85 400, also um 35% (rund 46 000 Arbeitsplätze). Die Zulieferer — Hersteller von Ausrüstung, Karosserien und Bauteilen — verloren rund 92 700 Beschäftigte (von 294 100 auf 201 400, bzw. 31,5%).

„Die Zulieferer haben ihre Produktion kaum verlagert, exportierten jedoch in die Länder, in denen die Werke der französischen Hersteller liegen.“

— INSEE

Gründe: Wettbewerbsdruck seitens China, sinkende Verkäufe sowie Verlagerungen der Produktion durch Mutterkonzerne (Renault, Stellantis u. a.) in Länder mit niedrigeren Arbeitskosten — Rumänien, Slowenien, Spanien, Portugal, die Slowakei. Seit 2023 hat sich der Trend beschleunigt: Michelin, Valeo, Forvia, Bosch, Lisi und Dumarey schlossen Teile ihrer Kapazitäten in Frankreich.

Kontext und Folgen für Europa

Das ist nicht nur eine Arbeitslosenstatistik. Der Abbau von Arbeitsplätzen bedeutet den Verlust von Produktionsketten, Kompetenzen und Reservekapazitäten, die früher ein schnelles Hochfahren der Produktion ermöglichten. INSEE bezeichnet die Studie als die erste, die alle Teile des industriellen Ökosystems der Automobilindustrie erfasst — das Bild ist eindeutig beunruhigend.

Im Oktober 2025 identifizierte die EU etwa acht „überflüssige“ Autofabriken auf dem gesamten Kontinent — ein Überangebot an Kapazitäten, das einer Lösung bedarf. Der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen riet Europa ausdrücklich, die Umwidmung dieser Kapazitäten für die Produktion von Militärtechnik in Betracht zu ziehen.

„Europa sollte die Struktur der Produktion überdenken: überflüssige Autofabriken könnten zu einer kritischen industriellen Basis für die Herstellung von Technik und Ausrüstung für Verteidigungszwecke werden.“

— Anders Fogh Rasmussen, ehemaliger NATO-Generalsekretär

Was das für die Ukraine bedeutet

Für die Ukraine ist eine solche Transformation Europas nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine Sicherheitsfrage. Die Umorientierung stillstehender europäischer Kapazitäten auf die Produktion von Militärtechnik, Elektronik oder logistischer Ausrüstung kann die materielle Unterstützung an der Front verstärken und zur Diversifizierung der Lieferketten beitragen. Gleichzeitig erschwert der Verlust industrieller Kompetenzen in Westeuropa die langfristige Stabilität der Lieferketten für zivile und verteidigungsspezifische Produkte.

Fazit

Das französische Beispiel ist ein Symptom eines breiteren Trends: globale Konkurrenz und die Optimierung von Lieferketten führen zur Degradierung regionaler industrieller Ökosysteme. Für Europa ist das eine Herausforderung, aber auch eine Chance: Statt der Zerstörung von Industrieflächen sollten Strategien soziale Verantwortung (Arbeitsplatzerhalt) und strategische Neuorientierung (Produktion, die für die Sicherheit wichtig ist) verbinden. Für die Ukraine ist dies ein Signal, die Kommunikationskanäle zu europäischen Herstellern offen zu halten und auf eine Transformation der Zusammenarbeit von kurzfristigen Verträgen zu langfristigen industriellen Partnerschaften zu drängen.

Weltnachrichten