Wenn ein Ukrainer die App „Diia" öffnet, mit einer PUMB-Karte bezahlt oder ein Paket von „Nova Poshta" erwartet, denkt er nicht darüber nach, auf wessen physischen Servern seine Daten liegen. Die Antwort auf diese Frage gibt Maxim Ageev, Mitgründer und Generaldirektor von De Novo, Gast der neuen Folge des Podcasts „Vyshcha Liha" auf dem Kanal LIGA Business.
De Novo ist kein abstrakter Cloud-Provider. Die Hauptaktivität des Unternehmens ist die Bereitstellung von Cloud-IT-Lösungen für ukrainische Enterprise-Unternehmen. Im Kundenportfolio: Naftogaz, PUMB, KERNEL, Prozorro, Terrasoft, Diia, Nova Poshta und weitere.
Das heißt, die Infrastruktur, auf der die staatliche Registrierung, Bankoperationen, Lieferungen und öffentliche Beschaffungen von Millionen von Menschen basieren – das ist nicht irgendwo „in der Cloud" im abstrakten Sinne, sondern konkrete Serverracks, deren Kontrolle der Gegenstand eines ganz realen Machtkampfes ist.
Ein Markt, der sich in Milliarden bemisst
Dieser Kampf hat bereits einen Preis. Im Jahr 2025 erreichte der Markt für IaaS/PaaS-Dienstleistungen in der Ukraine ₴7,2 Mrd., unter Berücksichtigung zusätzlicher Kosten übersteigt die Zahl offensichtlich ₴10 Mrd. Aber diese Indikatoren verbergen eine nicht offensichtliche Wahrheit über Hilfsleistungen, die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine und eine neue Verschiebung der Kräfte zwischen ukrainischen und globalen Providern.
Hinter den Ziffern – nicht abstrakte Statistik des IT-Sektors, sondern die konkrete Frage: wessen Server speichern Daten über Mobilisierung, Verteidigungsbeschaffungen oder personenbezogene Patientendaten, und wer kann physisch den Zugang dazu in einem kritischen Moment unterbrechen.
Hier entsteht eine Diskrepanz in der Interpretation, wie viel westliche Unterstützung des ukrainischen digitalen Sektors tatsächlich kostet. Maxim Ageev wies darauf hin, dass das Innovations- und Entwicklungszentrum für Verteidigungstechnologien des ukrainischen Verteidigungsministeriums 15 Millionen Hrn. für den Kauf von Microsoft Azure-Dienstleistungen ausgegeben hat, und bezeichnete die Aussage von Microsoft Regional Director Alexander Krakovetsky über eine Hilfe von über $500 Millionen zur Unterstützung der ukrainischen IT-Infrastruktur als unbegründet.
Die Differenz zwischen realen Beschaffungen und öffentlichen Aussagen zum Umfang der Hilfe – dies ist genau der Interessenkonflikt, um den herum die Diskussion über wirtschaftlichen Nationalismus in der IT geführt wird: wer zahlt, wer zählt den Nutzen und wer bestimmt, was als „Unterstützung" gilt.
Digitale Souveränität als Vermögenswert, nicht als Slogan
Im Frühling entschieden sich ukrainische Cloud-Provider, systematisch zu handeln. Am 22. April wurde in der Ukraine die Allianz für digitale Souveränität gegründet, der sich die Cloud-Provider GigaCloud, De Novo und das Rechenzentrum „PARKOVYY" anschlossen.
Die Logik der Vereinigung ist einfach und gleichzeitig wirtschaftlich vorteilhaft für ihre Teilnehmer: Digitale Souveränität wurde zu einem Faktor der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Das eigene Ökosystem behält die Mittel im Land.
Aber hinter dieser These steht eine Frage, der man nicht entgehen kann: Der Wert von Daten für den Staat ist wichtig zu übertreiben, denn es geht nicht um Geld wie im Fall von Handelsbetrieben, sondern um etwas viel Wichtigeres – nationale Sicherheit und digitale Souveränität.
Wenn staatliche Register, Patientenakten oder Verteidigungslogistik physisch auf Servern außerhalb des Landes liegen, hängt die Souveränität des Staates von Entscheidungen ab, die in fremden Gerichtsbarkeiten getroffen wurden – und davon, ob diese Entscheidungen freundlich bleiben, wenn sich das politische Klima ändert.
Technofaschismus und der Preis des „digitalen Abdrucks"
In dem Interview geht Ageev über das rein infrastrukturelle Thema hinaus und spricht davon, was passiert, wenn eine Sammlung personenbezogener Daten in die Verfügungsgewalt künstlicher Intelligenz ohne angemessene Einschränkungen gelangt. Die Idee des „digitalen Abdrucks" – die Gesamtheit von allem, was ein Mensch im Netz hinterlässt: Zahlungen, Standorte, Gewohnheiten, Kommunikation – verwandelt die abstrakte Bedrohung der Privatsphäre in ein konkretes wirtschaftliches und politisches Instrument. Wer über diesen Abdruck von Millionen von Bürgern verfügt, verfügt über einen Einflusshebel, der weder eine Armee noch Wahlen benötigt.
Genau hier führt Ageev den Begriff des Technofaschismus ein – nicht als publizistische Metapher, sondern als Modell, in dem die Kontrolle über Daten und Algorithmen nicht gewählten Strukturen eine Macht gibt, die der staatlichen vergleichbar ist. Für ein Land, das gleichzeitig Krieg führt und einen digitalen Staat durch „Diia" aufbaut, ist dies keine theoretische Diskussion: Jeder neue digitale Service erhöht die Menge an Daten, die geschützt werden müssen, und gleichzeitig – die Versuchung für diejenigen, die dies nutzen wollen.
Was kommt als Nächstes
Ukrainische Provider haben ihre Position bereits durch eine Allianz institutionalisiert und versuchen, einen Platz am Tisch zu erhalten, wo die Spielregeln für Cloud-Märkte in Europa festgelegt werden. Die Frage bleibt praktisch: Ist der Staat bereit, die Anforderung, kritische Daten auf dem Territorium des Landes zu speichern, gesetzlich zu verankern, oder vertraut er auf die Wohlwollen der globalen Cloud-Anbieter? Die Antwort darauf wird bestimmen, wer in zehn Jahren den digitalen Abdruck der Ukrainer kontrolliert – inländische Rechenzentren oder fremde Gerichtsbarkeiten.