Am vierten Tag in Tirana halten Tausende Menschen Plakate mit den Aufschriften „Albanien wird nicht verkauft" und „Ivanka, geh nach Hause". Der Grund ist ein Kurort im Wert von 1,4 bis 4 Milliarden Euro auf der Insel Sazan und in der Lagune Vjosa-Narta, den Affinity Partners von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump, vorantreibt.
Wie das funktionierte
Ende 2024 verlieh die Regierung von Premierminister Edi Rama dem Unternehmen Atlantic Incubation Partners LLC – eine mit Kushner verbundene Struktur – den Status eines „strategischen Investors". Dies gab Zugang zu Staatsländern und Vorteilen unter Umgehung standardisierter Ausschreibungsverfahren. Parallel dazu stellte die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SPAK fest, dass sich der Rechtsstatus der Küstengrundstücke änderte: Früher waren sie Schutzgebiete.
Die Lagune Vjosa-Narta ist ein Brütungsplatz für Meeresschildkröten, eine Zwischenstelle für Flamingos und ein Lebensraum für Mittelmeer-Mönchsrobben. Die Insel Sazan ist eine ehemalige Militärbasis: Nach Dokumenten des albanischen Generalstabs befinden sich dort Seekabel und 200-Millimeter-Artilleriegranaten aus dem Zweiten Weltkrieg auf einer Fläche von über 5.000 Quadratmetern. Es wurde kein Minenräumprogramm vor Baubeginn angekündigt.
Wer hinter dem Projekt steht
Kushner ist nicht der einzige Akteur. Nach Angaben von Balkan Insight und der New York Times sind katarische Milliardäre aus der Gruppe Power International Holding am Projekt beteiligt, die zuvor Infrastruktur für die WM 2022 bauten. Affinity Partners wiederum erhielt von dem Staatsfonds Saudi-Arabiens während Trumps erster Präsidentschaft 2 Milliarden Dollar – eine Tatsache, die Gegner als strukturellen Interessenkonflikt bezeichnen: Kushner führt gleichzeitig sein Geschäft und ist Sonderbeauftragter der USA für Friedensfragen.
„Albanien sollte sich vor einem so herausragenden Projekt nicht fürchten. Es gibt keine Chance, dass diese Investition stoppt, solange ich hier bin"
– Premierminister Edi Rama als Antwort auf die Proteste
Rama verteidigt das Projekt als „transformativ" für ein Land, das der EU beitreten und auf den Markt für Luxustourismus vorstoßen möchte. Doch genau diese Rhetorik weckt Skepsis: Albanien führt Verhandlungen über die EU-Mitgliedschaft, und Brüssel überwacht die Rechtsstaatlichkeit und den Umweltschutz.
Serbisches Präzedenzfall
Dies ist nicht der erste Versuch von Affinity Partners auf dem Balkan. Ein ähnliches Entwicklungsprojekt in Serbien scheiterte 2025 nach einem öffentlichen Skandal und einer Ermittlung lokaler Antikorruptionsbehörden. Das Schema war ähnlich: Status eines Prioritätsinvestors, Land mit eingeschränktem Zugang, minimale Transparenz.
Was SPAK untersucht
Die Spezielle Antikorruptionsstaatsanwaltschaft prüft, ob die Änderungen des Rechtsstatus der Länder Sazan und Vjosa-Narta im Jahr 2024 rechtlich begründet waren oder ob sie gezielt den Weg für ein bestimmtes Projekt freimachten. Separat untersucht werden Videos, die viral gingen: Ein Sicherheitsbeamter zieht eine Aktivistin während eines Protests direkt an der Baustelle.
- SPAK untersucht die Statusänderung von Naturschutzgebieten im Jahr 2024
- Sazan – eine ehemalige Militärbasis mit nicht entschärften Munition aus dem Zweiten Weltkrieg
- Vjosa-Narta – ein Feuchtgebiet-Schutzgebiet, das für die Artenvielfalt der Adria entscheidend ist
- Status „strategischer Investor" vergeben ohne öffentliche Ausschreibung
- Serbisches Projekt von Affinity Partners bereits nach ähnlichem Skandal gestoppt
Ivanka Trump erklärte in einem Interview mit Podcaster David Sentry, wie sie den Ort fanden: „Wir waren auf der Yacht eines Freundes, hielten an zum Schwimmen. Eigentlich haben wir ihn so gefunden". Für Demonstranten in Tirana ist diese Detail zum Symbol geworden: Die Entscheidung über das Schicksal eines Schutzgebiets wurde nicht in einem Planungsbüro getroffen, sondern an Bord einer Privatyacht.
Falls SPAK Beweise findet, dass die Umklassifizierung der Länder rechtlich illegal war – nicht nur politisch praktisch – wird die Regierung von Rama vor der Wahl stehen, sich entweder für den Investor aus Washington oder für ihre eigenen europäischen Integrationsverpflichtungen zu entscheiden, wo Rechtsstaatlichkeit keine Wunsch-, sondern eine Bedingung ist.