Was in Brüssel beschlossen wurde
Am 9. Januar hat der Rat der EU zwei Entscheidungen gebilligt, die die Unterzeichnung eines Partnerschaftsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur-Block (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) sowie eines vorläufigen Handelsabkommens (ITA) ermöglichen. In einer Erklärung des Rates wurde dies nach über 25 Jahren Verhandlungen als „historischer Schritt“ bezeichnet.
„Nach mehr als 25 Jahren bedeuten die heutigen Entscheidungen einen historischen Schritt vorwärts zur Stärkung der strategischen Partnerschaft der EU mit dem Mercosur“
— Michael Damiános, Minister für Energie, Handel und Industrie Zyperns
Für die Entscheidung stimmte eine qualifizierte Mehrheit — mindestens 15 Länder, die 65 % der Bevölkerung der EU repräsentieren. Gegenstimmen kamen aus Frankreich, Polen, Österreich, Irland und Ungarn; Belgien enthielt sich. Das Abkommen muss noch im Europäischen Parlament abgestimmt und in allen nationalen Parlamenten ratifiziert werden.
„Das Abkommen wird beiderseitig vorteilhaft sein — es gibt EU-Exporteuren die Möglichkeit, bis 2040 rund 50 Milliarden Euro zu erzielen“
— Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission
Wen das betrifft und warum das wichtig ist
Das Abkommen schafft eine Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern und beträchtlichen Rohstoffressourcen. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission wird das Abkommen Zölle auf EU-Exporte um rund 4 Milliarden Euro senken, während der langfristige Vorteil für EU-Exporteure bis zu 50 Milliarden Euro bis 2040 betragen kann. Die Unterstützung der Vertreter Brüssels beruht auf der Logik der Diversifizierung von Märkten und des Zugangs zu strategischen Ressourcen.
Gleichzeitig ist das Abkommen nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung: Es hat auch eine geopolitische Dimension. Für die EU ist es eine Chance, einen Teil der Handelsabhängigkeit von einzelnen asiatischen Märkten zu verringern und die Verbindungen zu Lateinamerika zu stärken.
Risiken für Landwirte und politische Spannungen
Bauernproteste in Frankreich, Belgien und anderen Ländern dauerten auch am Tag der Entscheidung an: Straßensperren und Kundgebungen unterstreichen, dass das Abkommen Druck auf die einheimische Landwirtschaft ausüben könnte, etwa durch den Import von billigerem Rindfleisch, Geflügel und Zucker. Die französische Landwirtschaftsministerin hat bereits angekündigt, die Ratifizierung im Parlament blockieren zu wollen.
„Bezüglich des Abkommens zwischen der EU und dem Mercosur haben wir, wie versprochen, dagegen gestimmt“
— Władysław Kosiniak-Kamysz, Premier/Parteiführer einer polnischen politischen Kraft (Erklärung zur Abstimmung)
In Brüssel hat man sich verpflichtet, die Kontrollen bei Importen zu verschärfen, um die Einhaltung der EU-Lebensmittelsicherheitsstandards zu gewährleisten und illegaler Abholzung entgegenzuwirken. Aber Kontrollen sind politische Garantien, die konkrete Mechanismen und Vertrauen erfordern.
Was das für die Ukraine bedeutet
Für die Ukraine werden die Folgen vielschichtig sein. Einerseits kann die Öffnung neuer europäischer und lateinamerikanischer Versorgungsketten das Wettbewerbsumfeld für ukrainische Agrarexporte verändern: Die Preise für einige Warengruppen könnten unter dem Druck zusätzlichen Imports sinken. Andererseits bedeuten die strategische Diversifizierung der EU und die Verstärkung der Verbindungen zu neuen Lieferanten eine Neuordnung der Lieferketten, in denen die Ukraine Nischen durch Qualität, Logistik und geografische Nähe zur EU finden kann.
Damit ist das für die Ukraine nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance: Aktive handelspolitische Diplomatie, ein Fokus auf höherwertige Produkte und die Standardisierung der Produktion können dazu beitragen, Marktanteile auf dem europäischen Markt zu halten und auszubauen.
Wie geht es weiter?
Das Abkommen muss noch das Europäische Parlament und die nationalen Ratifizierungen durchlaufen — ein Prozess, der sich hinziehen oder von zusätzlichen Bedingungen und Ausnahmen begleitet werden kann. Politische Proteste und die Positionen einzelner Regierungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Vertragstext durch Schutzmechanismen für Landwirte und strengere Importkontrollen ergänzt wird.
Fazit: Die Entscheidung in Brüssel eröffnet große Chancen für den Handel, verschärft aber zugleich inner-europäische Auseinandersetzungen. Nun sind die Parlamente und Regierungen am Zug — ob es gelingt, politische Erklärungen in wirksame Garantien für die Sicherheit der Landwirte und stabile Spielregeln für Händler, einschließlich der ukrainischen, zu verwandeln, bleibt abzuwarten.
Ob die Ukraine einen Platz in den neuen Lieferketten findet oder stattdessen mit zusätzlicher Konkurrenz konfrontiert wird, hängt von der Schnelligkeit ihrer Diplomatie, der Anpassung des Agrarsektors und den Positionen ihrer europäischen Partner ab.