Am Mittwoch, 10. Juni, setzte die Nationalbank der Ukraine den offiziellen Wechselkurs der Hrywnja zum Dollar auf 44,8437 Hrn/$ fest – ein neuer historischer Negativrekord. Dies ist bereits die wiederholte Erneuerung dieses „Tiefstands" hintereinander: Der Kurs rutscht seit mehreren Wochen kontinuierlich ab.
Gesteuerte Abwertung oder unkontrollierter Verfall?
Die NBU hält offiziell an einem Regime des gesteuerten Wechselkurses fest. Das bedeutet, dass jeder solche „Rekordwert" nicht spontan, sondern durch die Regulierungsbehörde sanktioniert ist. Die Zentralbank balanciert zwischen zwei Druckfaktoren: Sie muss die Devisenreserven vor schneller Erschöpfung bewahren und gleichzeitig einen starken Inflationsanstieg verhindern, der vor allem die Menschen trifft, die in Hrywnja verdienen.
Das Problem liegt darin, dass auch eine langsame, gesteuerte Abwertung ein Inflationsfaktor ist – nur über längere Zeit verteilt. Importwaren, Brennstoffe, Medikamente – alles wird teurer, je schwächer die Hrywnja wird. Nach Angaben des Statistikamtes bleibt der Anteil der Importe im Verbraucherwarenkorb selbst unter Kriegsbedingungen erheblich.
Drei Druckfaktoren
Analysten unterscheiden mehrere strukturelle Gründe für die Schwächung der Hrywnja. Erstens das negative Handelssaldo: Die Ukraine importiert erheblich mehr, als sie exportiert, was eine chronische Nachfrage nach Fremdwährung schafft. Zweitens das Haushaltsdefizit, das teilweise durch emissionstechnische Instrumente finanziert wird. Drittens die psychologische Nachfrage – Bevölkerung und Wirtschaft kaufen traditionell Dollar als Schutz vor Unsicherheit, besonders unter Bedingungen aktiver Kampfhandlungen.
Externe Hilfe vom IWF, den USA und der EU bremst den Verfall, hebt aber die grundlegenden Ungleichgewichte nicht auf. Ohne Tranchen würden die NBU-Reserven bedeutend schneller aufgebraucht.
Was bedeutet das für den Durchschnittsbürger?
Für einen Kiewer, der 20.000 Hrywnja pro Monat verdient, bedeutet der Kurs von 44,84, dass sein Gehalt einem Gegenwert von ungefähr 446 Dollar entspricht – während es vor einem Jahr bei einem Kurs von etwa 37 Hrn/$ noch über 540 Dollar waren. Der Unterschied von 94 Dollar monatlich – das ist keine abstrakte Statistik, sondern ein konkreter Verlust an Kaufkraft.
Für Unternehmen, die mit importierten Rohstoffen oder Ausrüstungen arbeiten, ist jede neue Rekordmarke eine Neuberechnung der Herstellungskosten und letztlich neue Preise in den Läden.
Wo liegt die Grenze?
Die NBU hat sich öffentlich zu keinen Zielwechselkursen geäußert. Die Regulierungsbehörde betont Flexibilität als Anpassungsinstrument der Wirtschaft an Schocks. Kritiker dieses Ansatzes weisen darauf hin: Flexibilität ohne klare Kommunikation nährt Abwertungserwartungen, die selbst zu einem Antrieb des Verfalls werden.
Falls externe Tranchen pünktlich eintreffen und die Frontlinie keine neue Welle von Binnenvertreibung provoziert, könnte die NBU theoretisch das Abwertungstempo gesteuert halten. Doch wenn einer dieser Faktoren außer Kontrolle gerät – wird die Regulierungsbehörde dann über ausreichende Reserven verfügen, um einen sprunghaften statt graduellen Wertverlust zu verhindern?