Der Juni bescherte den Ukrainern eine statistische Seltenheit: Die Verbraucherpreise sanken um 0,1% gegenüber Mai. Die Staatsstatistikbehörde verzeichnete eine Deflation — ein Phänomen, das angesichts von Krieg und inflationärem Druck fast paradox wirkt. Die Jahresinflation verlangsamte sich dabei auf 7,2% von 8,2% im Mai.
Hinter der Ziffer verbirgt sich jedoch ein konkreter Grund: Eierpreise fielen im Laufe eines Monats um 27,8%. Dies ist eine saisonale Norm — der Sommer senkt die Nachfrage und erhöht das Angebot. Insgesamt verbilligten sich Lebensmittel und alkoholfreie Getränke um 0,8%, Kleidung um 1,9%, Schuhe um 3%, Brennstoffe und Schmiermittel um 1,6%.
Was stieg, während die Eierpreise sanken
Parallel zur Deflation in den Supermärkten erhöhten Versorgungsunternehmen ihre Tarife. Die Wasserversorgung verteuerte sich um 15,3%, die Abwässerung um 14,6%, was zu einem Gesamtanstieg der Wohn- und Kommunaldienstleistungen um 0,9% führte. Der Eisenbahnpersonenverkehr stieg um 3,4%, Tabakwaren um 1,8%.
Versorgungsunternehmen begründen die Tariferhöhungen mit einer „Überlebensfrage" für kritische Infrastrukturen, die früher durch Subventionen finanziert wurden.
RBC-Ukraine
Zu den Schlüsselfaktoren gehören der starke Anstieg der Stromkosten zum Pumpen und Reinigen von Wasser, die Verteuerung von Brennstoff und Reagenzien sowie die Finanzierung von Notfallarbeiten an verschlissenen Netzen unter Kriegsbedingungen.
Saisoneffekt gegen strukturelle Belastung
Die Kerninflation — ein Indikator, der von saisonalen Schwankungen und administrativ regulierten Preisen bereinigt ist — betrug im Juni nur 0,3% pro Monat und 12,1% im Jahresvergleich. Sie zeigt den realen Preisdruck in der Wirtschaft ohne die „Geschenke" der Jahreszeit.
Die Nationalbank warnte bereits im Frühjahr: Die sommerliche Verlangsamung der Inflation werde vorübergehend sein. Nach der Prognose der Regulierungsbehörde wird die Inflation in der zweiten Jahreshälfte bis Ende des Jahres auf 9,4% beschleunigen — durch verstärkte Belastung der Produktionskosten, vor allem aufgrund von Energiepreiserhöhungen. Die Rückkehr zum Ziel von 5% wird von der Nationalbank nicht vor 2028 erwartet.
- Verbilligt: Eier (−27,8%), Schuhe (−3%), Brennstoffe (−1,6%), Kleidung (−1,9%)
- Verteuert: Wasserversorgung (+15,3%), Abwässerung (+14,6%), Eisenbahnverkehr (+3,4%), Tabak (+1,8%)
Die Juni-Deflation ist kein Trendwechsel, sondern ein saisonales Phänomen. Die Frage ist, wie schnell die neue Welle von Tariferhöhungen im Versorgungssektor das wettmachen wird, was bei Eiern und Kleidung mit Rabatt gespart wurde: Sollte die Nationalbank ihre Prognose nicht nach unten revidieren und die Tarifrefrom bei Wasser und Abwasser in diesem Tempo weitergehen, wird der Herbst das Gefühl der Juni-„Deflation" in die Kategorie einer statistischen Kuriosität zurückversetzen.