Kanada beim Eurovision: Kulturelle Geste für 150 Millionen vor dem Hintergrund des Zollkriegs mit den USA

CBC/Radio-Canada ist Vollmitglied der EBU geworden – zum ersten Mal nach 75 Jahren assoziierter Teilnahme. Hinter dieser Entscheidung steckt nicht nur Musik, sondern auch eine geopolitische Verschiebung Ottawas von Washington zu Brüssel.

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Am Donnerstag, dem 26. Juni 2026, stimmten Delegierte auf der 96. Generalversammlung der Europäischen Rundfunkunion (EBU) in Prag dafür ab, CBC/Radio-Canada den Status eines vollwertigen Mitglieds zu verleihen. Der kanadische öffentliche Rundfunk war seit 1950 assoziiertes Mitglied der EBU — und erhält nun erst die volle Mitgliedschaft. Damit verbunden ist auch das Recht, einen Kandidaten zum Eurovision Song Contest zu entsenden.

Doch CBC schweigt bislang. Die neue Mitgliedschaft bedeutet, dass Kanada nun das Recht hat, sich zur Teilnahme am Eurovision Song Contest anzumelden, doch CBC teilt nicht mit, ob von diesem Recht Gebrauch gemacht wird — zumindest vorerst nicht.

150 Millionen und Carneys Unterschrift

Die Entscheidung über die Mitgliedschaft entstand nicht von selbst. Die kanadische Bundesregierung stellte CBC/Radio-Canada im Haushalt 2025 zusätzliche 150 Millionen kanadische Dollar an Betriebsmitteln zur Verfügung, teilweise „um Kanadas Teilnahme am Eurovision Song Contest zu untersuchen". Dies fiel mit der Wahl von Premierminister Mark Carney zusammen, der danach strebt, die Beziehungen zu Europa angesichts des Handelskriegs mit der Trump-Administration und von Aussagen über die Umwandlung Kanadas in einen „51. US-Staat" zu festigen.

Carney war persönlich an diesem Plan beteiligt. In seiner außenpolitischen Rhetorik beschrieb er Kanada als das „europäischste nichteuropäische Land", zitierte Václav Havel in einer Rede in Davos und warb für die Idee einer Teilnahme am Eurovision Song Contest als Geste der kulturellen, wenn nicht politischen, Annäherung an Europa.

Präzedenzfall: Australien als Vorbild

Kanada ist nicht das erste außereuropäische Land auf diesem Weg. Der australische Rundfunk SBS ist assoziiertes Mitglied der EBU und nimmt seit 2015 am Wettbewerb teil. Die australische Erfahrung zeigt ein echtes Finanzierungsmodell: SBS zahlt einen jährlichen Beitrag und Übertragungskosten, deckt aber nicht alle Kosten für den Auftritt des Künstlers — dazu wird separate Finanzierung aus verschiedenen Kulturfonds in Anspruch genommen.

Soft Power oder teures Symbol?

Diane Wuletich, Historikerin mit Spezialisierung auf den Eurovision Song Contest, sieht in diesem Schritt keine leere Popularie.

„Dies ist eines der größten Kulturereignisse, das Europäer zusammenbringt. Seit 1956 spiegelt der Wettbewerb politische und soziale Veränderungen in Europa wider und wird von Ländern genutzt, um sein eigenes Image — seine Soft Power im Ausland — zu gestalten".

Diane Wuletich, Eurovision-Historikerin

Wuletich merkt auch an, dass Teilnahme „Mitgliedschaft in einem Ereignis bedeutet, das mit liberalen politischen und sozialen Werten verknüpft wird, besonders im Hinblick auf die Rechte von Minderheiten". Im Kontext, in dem sich Kanada von Washington distanziert, ist dies nicht nur ein Lied — es ist Positionierung.

Allerdings hat der Wettbewerb auch seine Krisen. Wuletich erwähnt einen kürzlichen Streit über die Teilnahme Israels, durch den fünf öffentliche Rundfunkantalten diesen Jahreswettbewerb boykottierten. Kanada wird, falls es tatsächlich die Bühne betritt, auch in diesen Debatten Stellung beziehen müssen.

Was kommt als Nächstes

Technisch könnte Kanada bereits beim Eurovision Song Contest 2027 debütieren. Der nächste Wettbewerb — 2026 in Österreich — findet ohne Kanada statt: die Fristen sind bereits abgelaufen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Kanada das Recht hat teilzunehmen, sondern ob CBC bereit ist, nicht nur die finanziellen, sondern auch die politischen Risiken des Wettbewerbs zu übernehmen — in einem Jahr, in dem Wähler im Inland beobachten, wofür die 150 Millionen ausgegeben werden.

Wenn CBC die Teilnahme bis Ende 2026 ankündigt — dies wird ein Signal sein, dass Carney den Eurovision Song Contest als Außenpolitik-Instrument betrachtet und nicht als einmalige PR-Geste. Wenn nicht — wird die EBU-Mitgliedschaft ein teures Symbol ohne konkrete Dimension bleiben.

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