Am 16. April gab der stellvertretende Leiter der Hauptdirektion für Aufklärung des Verteidigungsministeriums, Generalmajor Wadim Skibitskij, ein ausführliches Interview der Financial Times — und die zentrale Schlussfolgerung darin ist nicht diplomatisch: Russland bereitet sich auf eine großangelegte Bodenoffensive im Südosten der Ukraine vor, nicht auf Verhandlungen.
Was genau bereitet Russland vor
Nach Angaben der GUR befinden sich derzeit etwa 680 000 russische Soldaten auf dem Territorium der Ukraine. Diese Truppenstärke soll um weitere 20 000 Militärangehörige aus der strategischen Reserve ergänzt werden — jene Kräfte, die Moskau „für später" aufgespart hatte. Das strategische Ziel bleibt unverändert: die vollständige Eroberung der Regionen Donezk und Luhansk. Der Geheimdienst registriert eine klare interne Deadline — September 2025.
Parallel dazu steigert Russland seine Raketenproduktion. Nach Angaben von Skibitskij stellt die RF derzeit etwa 60 Iskander-Raketen pro Monat her und hat ihre eigenen Abschusskapazitäten erweitert. Die Ukraine hingegen leidet unter einem Mangel an modernen Luftabwehrsystemen — insbesondere amerikanischen Patriot-Systemen.
„Russland bereitet eine neue Bodenoffensive in den südöstlichen Regionen der Ukraine vor und plant, strategische Reserven einzusetzen, um seine Truppen um 20 000 neue Soldaten zu verstärken".
Wadim Skibitskij, stellvertretender Leiter der GUR, Financial Times
Anschläge — keine Terrorisierungskampagne, sondern Vorbereitung des Schlachtfeldes
Die Eskalation der Raketen- und Drohnenanschläge interpretiert Skibitskij nicht als eigenständige Einschüchterungskampagne, sondern als Instrument zur Gestaltung der operativen Situation vor einer Bodenoffensive. Die Zerstörung der Energieinfrastruktur im Winter hat ihre Widerstandsfähigkeit erheblich beeinträchtigt — und derzeit bleibt die Energieversorgung nach Einschätzung der GUR äußerst anfällig. Moskau wiederum verfeinert die Taktik seiner Anschläge weiterhin.
Verhandlungen als Tarnung
Es ist bemerkenswert, dass Skibitskij Mitglied der ukrainischen Verhandlungsdelegation ist. Daher klingt seine Schlussfolgerung besonders prägnant: Die Vorbereitung auf großangelegte Bodenoperationen zeigt, dass Russland die Verhandlungen nicht ernst nimmt und plant, den Krieg fortzusetzen. Der Kreml nutzt nach Ansicht des GUR-Vertreters den Verhandlungsdiskurs vor allem, um den Westen und den Globalen Süden zu beeinflussen — indem er „Friedensbereitschaft" demonstriert, während er Reserven mobilisiert.
Dies ist keine neue These. Bereits vor einem Jahr sagte Skibitskij in einem Interview mit The Economist, dass substanzielle Verhandlungen nicht vor der zweiten Hälfte 2025 möglich sind — wenn beide Seiten die „günstigsten Positionen" einnehmen. Nun stellt die GUR fest, dass Russland genau das tut — aber nur auf dem Schlachtfeld.
Was bedeutet das in der Praxis
- 20 000 Reservisten — keine erklärte Mobilisierung, sondern der Einsatz bereits vorbereiteter Kräfte aus der Reserve.
- September — eine interne Deadline in der Planung. Nicht ein öffentliches Versprechen, sondern ein Orientierungspunkt für das Kommando.
- 60 „Iskander" pro Monat — ein Niveau, das ausreicht, um intensive Anschläge gleichzeitig mit einer Bodenoffensive zu unterstützen.
- 680 000 Soldaten bereits in der Ukraine — die größte Truppenstärke während des gesamten vollumfänglichen Krieges.
Sollte Russland tatsächlich bis zum Herbst die Verwaltungsgrenzen der Regionen Donezk und Luhansk erreichen, würde dies die Verhandlungsposition Moskaus grundlegend verändern. Die Frage ist eine andere: Wird die Ukraine genug Luftabwehrsysteme und Artillerieammunition erhalten, bevor die Reserve eingesetzt wird — denn davon hängt ab, ob der September ein Deadline für Russland wird oder ein Wendepunkt für die Ukraine.