Großbritannien, Tanker und eine neue Phase des maritimen Drucks auf den Kreml
Laut The Guardian arbeitet Großbritannien an militärischen Szenarien zur Aufbringung von Tankern der sogenannten "Schattenflotte" – Schiffe, die gefälschte oder wechselnde Flaggen nutzen, um Verbindungen zu Russland zu verschleiern. Das ist nicht bloß eine Einzelidee: Planungsdiskussionen finden im Kontext der Koordination mit NATO-Verbündeten und vor dem Hintergrund des Beispiels der USA statt, die im Januar 2026 den Tanker Bella 1 aufgebracht haben.
Was genau erarbeiten die Verbündeten?
Unbenannte Gesprächspartner im britischen Verteidigungsministerium berichten, dass militärische Varianten zur Festsetzung von Schiffen in internationalen Gewässern ausgearbeitet wurden. Teil der Argumentation ist das Bestreben, die Finanzquellen der russischen Aggression zu unterbrechen: Bereits vor 2025 setzte London mehr als 500 Schiffe auf Sanktionslisten, die mit dem Export russischen Öls in Verbindung stehen.
Juristische Palette: Flaggen und die „Staatenlosigkeit“ von Schiffen
Ein zentraler juristischer Punkt ist die Flagge des Schiffes als Ausdruck staatlicher Zuständigkeit. Wenn ein Schiff dauerhaft gefälschte oder wechselnde Flaggen führt, kann es de facto in einen Zustand geraten, der manchmal als „staatenlos“ bezeichnet wird, und dann nach bestimmten Bestimmungen des Seerechts festgesetzt werden. In europäischen Ländern wird die Auslegung dieser Normen jedoch unterschiedlich gehandhabt – weshalb eine Koordination zwischen den Staaten erforderlich ist.
Risiken und taktische Überlegungen
Wie Lloyd's List warnt, die ihren Chefredakteur Richard Mid zitiert, ist die rechtliche Grundlage vorhanden, aber die entscheidende Frage ist das Risiko einer Eskalation. Mid merkt an, dass die Royal Navy viele dieser Schiffe aufbringen könnte, man davor jedoch zurückschrecke wegen möglicher Reaktionen aus Moskau. Diskutiert wird auch eine Variante zur Reduzierung der Risiken – Operationen außerhalb der Ostsee oder der Arktis durchzuführen, wo die russische Präsenz und die unmittelbare Bedrohung größer sind.
"Die Royal Navy könnte eine beliebige Zahl von Schiffen gemäß dem Seerecht aufbringen, da sie de facto keine Staatsangehörigkeit besitzen. Aber sie hat es nicht getan, weil ein Eskalationsrisiko besteht."
— Richard Mid, Chefredakteur von Lloyd's List
Warum das für die Ukraine wichtig ist
Erstens reduziert jeder erfolgreiche Eingriff gegen die "Schattenflotte" die Einnahmen, die der Kreml aus dem Energieexport zieht – ein direkter Faktor zur Unterminierung der Finanzierung des Krieges gegen die Ukraine. Zweitens zeigen solche Operationen die Bereitschaft der Verbündeten, den Sanktionsdruck in praktische Schritte zu überführen – ein Signal, das Entscheidungen dritter Importländer beeinflussen kann. Drittens ist für die Ukraine ein rechtlicher und diplomatischer Rahmen entscheidend: Ohne ihn könnten Operationen die Zusammenarbeit erschweren und politische Meinungsverschiedenheiten unter den Partnern hervorrufen.
Wie geht es weiter?
Es zeichnet sich die Möglichkeit ab, den maritimen Druck auf Russland zu verstärken, doch die Umsetzung eines solchen Instruments hängt von der Balance zwischen Handlungswillen und Vorsicht gegenüber einer Eskalation ab. Für die Ukraine besteht die Schlüsselaufgabe darin, internationale Rhetorik und Sanktionen in koordinierte Maßnahmen zu überführen, die die Ressourcenbasis des Aggressors schmälern, ohne die Front unnötig zu erweitern. Ob dies zur neuen Norm der maritimen Politik gegenüber dem Kreml wird, hängt davon ab, wie eng die Verbündeten zusammenarbeiten und wie klar die rechtliche Grundlage für die Operationen formuliert wird.