Mehrere Bundeswehr-Soldaten durften in der deutschen Brigade, die in Litauen stationiert ist, nicht dienen. Der Grund: ihre russische oder belarussische Herkunft, weshalb sie die Sicherheitsüberprüfung nicht bestanden. Dies berichtet die Bild unter Berufung auf informierte Gesprächspartner.
Formal handelt es sich hierbei weder um ein Verbot noch um eine Bestrafung. Die Soldaten bleiben in der Bundeswehr und setzen ihren Dienst in Deutschland fort, erhalten jedoch keine Positionen, die einen erhöhten Sicherheitszugang zu Geheimdienstinformationen erfordern. Doch die Tatsache, dass die Herkunft – und nicht die Handlungen oder Ansichten einer bestimmten Person – zum Selektionskriterium für die Brigade an der russischen Grenze geworden ist, zeigt, wie ernst man in Berlin die Frage der Loyalität der Armee inzwischen nimmt.
Warum Verwandte in Russland bereits ein NATO-Sicherheitsthema sind
Der deutsche Militärgeheimdienst erklärt die Logik unmittelbar: Soldaten mit familiären Bindungen zu Russland oder Belarus sind stärker erpressbar. Nicht weil sie illoyal sind, sondern weil sie jemanden haben, der als Druckmittel genutzt werden kann – einen Verwandten, der plötzlich unter Ermittlungen gerät, seinen Arbeitsplatz verliert oder einfach bei einer Vernehmung durch lokale Sicherheitsdienste „verschwindet".
Nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums ist dies bereits kein hypothetisches Risiko. Einige Bundeswehr-Soldaten und Familienmitglieder sind bei Reisen nach Russland oder Belarus bereits Ziel von Verhören und Druckversuchen durch die Geheimdienste dieser Länder geworden.
Unter den Soldaten können es durchaus Menschen geben, die von russischen Narrativen beeinflusst wurden, und solche Menschen sollten keinen Zugang zum Dienst in der Brigade in Litauen erhalten, – erklärte der Bundestag-Abgeordnete Roderich Kiesewetter.
Reisen sind erlaubt, aber unter Bedingungen
Ein wichtiger Punkt: Die bloße Herkunft ist nicht automatisch ein Grund für ein Reiseverbot nach Russland oder Belarus. Soldaten ist es gestattet, diese Länder zu besuchen, insbesondere um Verwandte zu treffen. Aber der Geheimdienst besteht darauf, dass das Kommando über solche Reisen rechtzeitig informiert wird – damit der Staat zumindest weiß, wer, wann und wohin reist, und das Druckrisiko rechtzeitig bewerten kann, nicht erst hinterher.
Dies ist ein Kompromissansatz: Deutschland möchte nicht wie ein Staat wirken, der Bürger wegen ihrer ethnischen Herkunft verdächtigt, kann aber nicht ignorieren, dass die Grenze zu Verwandten in Russland ein offener Kanal der Beeinflussung ist, mit dem sich Profis aus dem FSB befassen.
Kontext: Der Kreml bereitet Sabotagen vor, nicht nur Desinformation
Die Entscheidung der Bundeswehr kam vor dem Hintergrund von Warnungen europäischer Geheimdienste vor einer Intensivierung der russischen Kampagne von Sabotagen und Provokationen gegen westliche Länder in den kommenden Monaten. Geheimdienste aus Tschechien, Lettland und Schweden prognostizieren eine Verstärkung solcher Aktivitäten, und der litauische Geheimdienst hat bereits Informationen über Moskaus Vorbereitung einer Hybridoperation gegen Staaten, die die Ukraine unterstützen, erhalten.
In diesem Kontext ist die Bundeswehr-Brigade in Litauen nicht nur abstrakte Symbolik der Präsenz eines Verbündeten, sondern eine Einheit, die unmittelbar an einer möglichen Eskalationslinie stationiert ist. Und die Frage, wem man dort Geheimdienstinformationen anvertrauen kann, wird zur praktischen statt zur theoretischen Frage.
Wie weit andere NATO-Länder bei der Überprüfung der Loyalität ihrer eigenen Soldaten mit ähnlicher Herkunft gehen werden – und ob dies ein Präzedenzfall für deutlich strengere Filter in europäischen Armeen wird, während der Kreml weiterhin nach schwachen Stellen in den Strukturen der Verbündeten sucht?