Was passiert ist
EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt Andrius Kubilius teilte bei einem Besuch in Polen mit, dass in wenigen Tagen iranischer Angriffe die Länder des Nahen Ostens mehr Abfangraketen für Patriot (PAC-3)-Systeme verbraucht hätten, als die Ukraine für vier Monate der Wintersaison benötigt. Dies berichtet Euronews unter Berufung auf die Rede des Beamten.
In seiner Einschätzung wiederholte Kubilius die Zahlen: Die Ukraine brauche etwa 700 Abfangraketen PAC-3 allein für vier Wintermonate — weil zur Zerstörung eines ballistischen Ziels mitunter mehrere Abfangraketen erforderlich sind. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor konstatiert, dass die Länder der Region binnen drei Tagen «irgendwo 800+» solcher Raketen verbraucht hätten. Zum Vergleich: die Produktionsmenge des Unternehmens Lockheed Martin lag 2025 bei rund 600 Einheiten.
Warum das für die Ukraine wichtig ist
Der Mangel an Abfangraketen ist nicht nur Statistik. Er stellt eine direkte Bedrohung für die Sicherheit von Städten, kritischer Infrastruktur und der Logistik an der Front dar. Fällt die Zahl verfügbarer PAC-3 unter den Bedarf, steigt das Risiko, dass zur Abwehr von ballistischen Bedrohungen Raketen gespart werden müssen oder auf andere Systeme mit eingeschränkterer Wirksamkeit ausgewichen werden muss.
Zugleich erinnerte Kubilius an das Ausmaß der Angriffe Russlands im Jahr 2025: rund fast 2.000 Raketenangriffe auf die Ukraine, davon etwa 900 ballistische. Das unterstreicht die doppelte Herausforderung — eigene Gegenwehr gegen den Aggressor und der Wettbewerb um knappe Ressourcen mit einer strategisch wichtigen Region wie dem Nahen Osten.
"Raketen, Drohnen und 155-mm-Munition mit erhöhter Reichweite sind Schlüsselprioritäten der Ukraine"
— Andrius Kubilius, EU‑Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt
Welche Reaktionsmöglichkeiten bestehen
Kubilius und Partner sprechen von zwei parallelen Ansätzen: die Produktion der Abfangraketen in den USA zu beschleunigen und die Versorgung über die europäische Industrie sowie ukrainische Entwicklungen zu diversifizieren. In Brüssel wird über ein zinsgünstiges Darlehen für die Ukraine in Höhe von 90 Mrd. Euro für 2026–2027 diskutiert, von dem zwei Drittel vorrangig für Verteidigungsbedarfe mit Priorität für Käufe bei europäischen und ukrainischen Herstellern vorgesehen waren — die Bereitstellung dieser Mittel wird derzeit jedoch von Ungarn blockiert. Ein weiteres Instrument ist das Rüstungsdarlehensprogramm SAFE in Höhe von 150 Mrd. Euro.
Darüber hinaus bieten ukrainische Entwickler eigene Lösungen an: Der Komplex „Shershen“, der mit einem breiteren Spektrum an Raketen arbeiten kann, ist bislang noch nicht im Dienst, könnte aber theoretisch die Abhängigkeit von ausschließlich PAC-3 in der Zukunft verringern (mehr dazu im Beitrag des Experten Valentin Badrak).
"Die Amerikaner werden nicht in der Lage sein, die Länder des Persischen Golfs, ihre eigene Armee und auch die Ukraine mit ausreichenden Stückzahlen dieser Raketen zu versorgen"
— Andrius Kubilius, EU‑Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt
Was das praktisch bedeutet
Die Entscheidungen haben zwei Komponenten: eine politische (Deklarationen in Verträge ummünzen und Blockaden in der EU aufheben) und eine industrielle (Produktionskapazitäten in den USA und Europa ausbauen und die Lokalisierung der Produktion in der Ukraine beschleunigen). Ohne gleichzeitige Fortschritte in beiden Bereichen bleibt das Defizitrisiko bestehen.
Fazit
Die Logik ist einfach: begrenzte globale Ressourcen und eine neue Nachfrageseite (Naher Osten) verschärfen den Wettbewerb um zentrale Mittel der Flugabwehr. Für die Ukraine heißt das: Diplomatie muss in beschleunigte Verträge und Finanzierung übersetzt werden, und die Verteidigungsindustrie muss vorrangig unterstützt werden. Ob die Partner dafür genügend Zeit und politischen Willen aufbringen — das ist derzeit die zentrale Frage für die Sicherheit unserer Städte und Verteidigungssysteme in diesem Winter.
"Die Lage ist wirklich kritisch — die Partner müssen die Raketenproduktion sehr schnell ausbauen"
— Andrius Kubilius, EU‑Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt