In der großen Diplomatie zählen nicht laute Erklärungen, sondern stille Verschiebungen
Financial Times berichtet unter Berufung auf mehrere Gesprächspartner und Diplomaten: Die Verwaltung von Donald Trump verlagert nach und nach ihre Prioritäten in Richtung Naher Osten. Infolgedessen gerät der von den USA initiierte Friedensprozess in Gefahr — nicht aufgrund einer dramatischen Einzeläußerung, sondern durch eine Kette von Entscheidungen und logistischen Beschränkungen.
Wie es funktioniert: mehrere Einflussmechanismen
Europäische Diplomaten, die an den Verhandlungen beteiligt waren, sagen, dass die Eskalation im Nahen Osten die Kräfteverhältnisse verändert: steigende Ölpreise, die vorübergehende Aufhebung oder Verzögerung einiger US-Sanktionen und die Umverteilung von Munitions- und Luftabwehrbeständen entziehen Ressourcen, die die Position Kiews hätten stärken können.
Die letzte vollwertige trilaterale Runde fand am 17.–18. Februar in Genf statt. Das für den 5. März in Abu Dhabi geplante Gespräch wurde nach amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran verschoben; ein neuer Termin und Ort sind bislang nicht vereinbart.
"Der Nahe Osten hat die politische Aufmerksamkeit ernsthaft von der Ukraine weg verlagert. Für uns und für die Ukraine ist das eine Katastrophe."
— Ein europäischer Diplomat, Gesprächspartner der FT
Was das für Lieferungen und den Druck auf Moskau bedeutet
Nach Angaben von Diplomaten könnte ein Teil der US-Lieferungen, darunter Luftabwehrsysteme, verzögert werden, weil Washington Bestellungen zugunsten nahöstlicher Bedürfnisse umschichtet. Für Kiew ist das nicht nur eine Frage der materiellen Ausstattung — es ist auch der Verlust diplomatischer Druckmittel, die nötig sind, um Moskau im Verhandlungsprozess zu halten.
"Die Verhandlungen zwischen ukrainischen und russischen Offiziellen befinden sich tatsächlich in einer gefährlichen Zone."
— Ein hochrangiger europäischer Beamter
Politische Reaktionen und Versuche, eine Verdunkelung zu verhindern
EU-Institutionen und Staatschefs bemühen sich, die Ukraine im Zentrum der Agenda zu halten: Ein Beispiel ist das Treffen von Präsident Macron mit Präsident Selenskyj in Paris, das im Élysée-Palast als Gegenmaßnahme gegen den "Verdunkelungseffekt" erklärt wurde. Analysten weisen zugleich darauf hin, dass ohne aktiven und nachhaltigen US-Druck die Chance auf erfolgreiche Verhandlungen sinkt.
"Die Sanktionen gegen russisches Öl werden nach dem Abschluss der 'Krise' im Nahen Osten zurückkehren",
— Donald Trump, US-Präsident (Erklärung vom 14. März)
Analyse: warum das passiert ist und was Kiew tun sollte
Die Entscheidung der USA lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Außenpolitik auf die unmittelbarsten und dringlichsten Risiken reagiert: die Gefahr einer Eskalation in der Region, logistische Beschränkungen und zyklischer politischer Druck. Es ist eine rationale, wenn auch schmerzhafte Umverteilung von Ressourcen — für die Ukraine bedeutet das weniger Zeit und weniger Spielraum für diplomatisches Agieren.
Der pragmatische Rezeptvorschlag für Kiew lautet daher: schnelle Diversifizierung der Lieferungen, Stärkung des eigenen verteidigungsindustriellen Potenzials und Intensivierung der Lobbyarbeit in der EU, damit die Erklärungen der Partner in unterzeichnete Verträge und konkrete Lieferungen münden.
Fazit
Die Lage ist kompliziert, aber offensichtlich: Internationale Krisen konkurrieren um Ressourcen und Aufmerksamkeit. Entscheidend ist jetzt, nicht auf ein Wiederaufleben des Interesses zu warten, sondern es selbst durch konkrete Maßnahmen und Garantien für Partner zu schaffen. Nächster Zug der Verbündeten: Haben sie die politische Willensstärke und die logistischen Möglichkeiten, Kiew im kritischen Moment zu versorgen?