Die stellvertretende Außenministerin Lettlands Baiba Braže erlaubte sich auf der Lennart-Meri-Konferenz in Tallinn am 16. Mai eine ungewöhnliche Rhetorik: „Zu sagen, dass die russische Armee in der Geschwindigkeit einer Schnecke vorrückt, ist eine Beleidigung für Schnecken". Der Satz fiel nicht als isolierte Metapher, sondern als Bezugnahme auf konkrete Zahlen und eine konkrete Forderung an die Verbündeten.
Welche Zahlen dahinter stecken
Den Kontext liefert das ISW. Nach Angaben der Analysten des Instituts hat sich das durchschnittliche Tempo der Gebietseroberungen Russlands mindestens um das Zwei- bis Dreifache verlangsamt, verglichen mit dem Höchststand: von über 14 Quadratkilometern pro Tag im Herbst 2024 auf weniger als 3 Quadratkilometer Anfang 2026. Im April 2026 verlor Russland zum ersten Mal seit August 2024 mehr Territorium, als es eroberte: die Ukraine gewann etwa 116 Quadratkilometer entlang mehrerer Frontabschnitte zurück, einschließlich der Region Sumy und des Gebiets Saporischschja.
Genau das bezeichnete Braže als „Übernahme der Initiative" und zog eine Schlussfolgerung, die dem Gegenteil dessen entspricht, was man von einer Diplomatin hätte erwarten können: nicht „jetzt kann die Unterstützung nachlassen", sondern „jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, sie zu verstärken".
Vier Richtungen — eine Botschaft
In ihrer Rede auf der Konferenz skizzierte die Ministerin vier Prioritäten zur Stärkung der europäischen Sicherheit:
- Ausbau der militärischen Fähigkeiten und der Rüstungsindustrie Europas;
- Erweiterung der NATO-Präsenz an der Ostflanke;
- langfristige Unterstützung der Ukraine;
- Schwächung Russlands durch Sanktionen und politischen Druck.
Alle vier Punkte verbindet eine Logik: Das Fenster der Möglichkeiten ist jetzt offen, während Russland Menschen und Ausrüstung wesentlich schneller verbraucht, als es vorwärts kommt. Im April meldete Kiew über 35.000 Verluste des Gegners pro Monat — Tote und schwer Verwundete.
Die baltische Position im größeren Kontext
Brażes Teilnahme an der Konferenz erfolgte unmittelbar nach der Sitzung des EU-Rates für Auswärtige Angelegenheiten am 11. Mai, auf der ein Darlehen an die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro genehmigt und das 20. Sanktionspaket gegen Russland angenommen wurde. Bei diesem Treffen betonte der lettische Außenminister persönlich die Notwendigkeit, die Unterstützung Kiews „fortzusetzen und zu verstärken" — in Gegenwart des ukrainischen Außenministers Andrij Sybiha.
„Die Unterstützung der Ukraine ist eine Investition in die Sicherheit Europas"
Baiba Braže, EU-Rat für Auswärtige Angelegenheiten, 11. Mai 2026
In Tallinn kam zu dieser These ein taktisches Argument hinzu: Die Tempi, die Braže als „Beleidigung für Schnecken" bezeichnete, sind kein Grund für Selbstzufriedenheit, sondern genau die Bedingung, unter der der Druck auf Moskau die größte Wirkung hat.
Was kommt als nächstes
Das ISW verzeichnet, dass die Verlangsamung des russischen Vormarsches real ist — weist aber auch darauf hin, dass sich der Charakter der Kampfhandlungen verändert hat: Russland wendet häufiger Infiltrationstaktiken anstelle von Massenangriffen an, was direkte Vergleiche mit früheren Jahren erschwert. Die Frage ist nicht, ob das Tempo wirklich gesunken ist — die Daten bestätigen das. Die Frage ist, ob die Verbündeten diesen Moment in einen systemischen Vorteil umwandeln können: Wenn das 20. Sanktionspaket und das Darlehen über 90 Milliarden Euro die Finanzierung des russischen Rüstungskomplexes bis Ende des Jahres wirklich begrenzen, wird Brażes Aussage über Schnecken nicht nur ein Witz, sondern eine präzise Beschreibung des strategischen Scheiterns des Kremls.