Verdacht statt Beweis: Warum der TSN‑Beitrag über die „Muslimbruderschaft“ der redaktionellen Prüfung nicht standhält

Der Beitrag der ТСН basiert auf einem realen Kriminalfall — nutzt diesen jedoch nicht zur Aufklärung, sondern als emotionalen Anker für ganz andere Behauptungen. Wir zerlegen die Konstruktion in ihre Einzelteile.

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Was tatsächlich geschah — und wo der Beitrag stoppt

Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) hat einen Einwohner der Oblast Dnipropetrowsk, Vladyslav Sementsov, wegen Aufforderungen an Russland, Angriffe auf ukrainische Strafverfolgungsbehörden zu verüben, festgenommen. Das ist ein reales Strafverfahren, das journalistische Aufmerksamkeit verdient. Doch bereits in den ersten Sekunden nimmt der Beitrag eine scharfe Wendung: vom konkreten kriminellen Vorfall hin zur Formel „möglicherweise islamistischer Extremismus“. Zwischen diesen beiden Themen steht im Beitrag nur ein Fakt: Sementsov „hat die Moschee besucht“. Der Besuch eines Gotteshauses ist kein Beweis für Radikalisierung und kein Beweis für Koordination mit irgendeiner Organisation. In den redaktionellen Prüfstandards und im Strafrecht erfordert eine solche Verbindung direkte Beweise: Kommunikation, Transaktionen, gemeinsame Handlungen, prozessuale Unterlagen. Nichts davon wird im Beitrag gezeigt.

„Wir behaupten nicht“ — eine Formel, die die Andeutung schützt, nicht den Zuschauer

Die Autoren wiederholen mehrmals: „Wir behaupten nicht, wir legen nur Fakten dar.“ Doch genau diese Formel ist die zentrale Manipulation. Sie entbindet die Redaktion von der Verantwortung für die Behauptung, die sich beim Zuschauer bereits gebildet hat — dank Schnitttempo, alarmierender Musik und der Logik „Wo Rauch ist, da ist Feuer“. Verantwortungsvolle Sicherheitsberichterstattung muss im Gegenteil genauer sein als jede andere, denn der Preis eines Fehlers ist hier die Stigmatisierung einer ganzen Religionsgemeinschaft und ein Geschenk für die russische Propaganda, die ohnehin versucht, die ukrainische Gesellschaft zu spalten.

Assoziativer Schnitt statt einer beweiskettenbasierten Darstellung

Die zentrale Konstruktion des Beitrags verläuft so: Sementsov → Moschee → DUMU „UMMA“ → Ismagilov → russischer YouTube-Kanal → Kanalinhaber → FIOYE → Liste der VAE → „Brüder der Muslimbruderschaft“. Jeder Übergang in dieser Kette ist eine Assoziation, kein Beweis. Das Erscheinen in einem Medienformat bedeutet nicht Solidarität mit dem Kanalinhaber. Eine Mitgliedschaft in einer Föderation bedeutet nicht die Teilnahme an terroristischen Operationen. „Unterstützung der Eröffnung einer Moschee“ ist nicht dasselbe wie „Kontrolle über die Besucher“. Im Strafrecht und in den Standards qualitätsorientierter Journalistik muss die Verbindung direkt und belegt sein. „Ähnlichkeit der Dekorationen“ ist kein Argument.

„Wenn die Grundlage überwiegend assoziativ ist, verwandelt sich ‚wir behaupten nicht‘ in eine Lizenz für jede Montage von Verdachtsmomenten.“

— Aus der Analyse der redaktionellen Standards des Beitrags

Kontext, den der Beitrag kaum zeigt

DUMU „UMMA“ — eine der Institutionen der ukrainischen Muslime, deren Hauptbüro in Kiew von einem russischen Raketenangriff getroffen wurde. Said Ismagilov hat sich in Kriegszeiten öffentlich zur Beteiligung am Schutz der Ukraine bekannt — darüber berichteten zahlreiche Medien. Seyran Arifov formulierte auf offiziellen Ressourcen die Position von „Alraїd“ als „Unterstützung der Unabhängigkeit der Ukraine, ihrer Entwicklung und Stabilität“. Das ist weder eine „Absolution“ noch ein vollständiges Dementi aller Fragen. Aber in einem Journalismus, der Objektivität beansprucht, muss dieser Rahmen vorhanden sein. Sein fast vollständiges Fehlen im Beitrag ist keine Nachlässigkeit, sondern eine redaktionelle Entscheidung.

Halal-Zertifizierung: ein wirtschaftliches Thema, das zu „Terrorfinanzierung“ gemacht wurde

Der Beitrag stellt die Halal-Zertifizierung als „Monopol“ dar und deutet eine Verbindung zur Terrorfinanzierung an. Selbst wenn eine Konzentration auf dem Zertifizierungsmarkt ein reales Problem ist, ist das ein Thema für wirtschaftliche und regulatorische Analysen und nicht automatisch eine Brücke zu Terrorismusvorwürfen. Eine solche Brücke ist nur dort möglich, wo Transaktionen, Sanktionsentscheidungen, Verurteilungen oder Unterlagen der Finanzüberwachung vorliegen. Nichts davon wird im Beitrag gezeigt.

Drei toxische Folgen dieses Vorgehens

Erstens — kollektive Verantwortung: Wenn Zuschauer mit dem Gefühl zurückbleiben, „alle Muslime stünden unter Verdacht“, spaltet das eine Gesellschaft, die sich im Krieg befindet. Zweitens — Diskreditierung der ukrainischen Muslime, die Teil der politischen Nation sind und ebenso Ziele russischen Terrors. Drittens — Verschmutzung der kontraterroristischen Analyse: Statt konkreter Risikozeichen (gewalttätige Rhetorik, nachgewiesene Transaktionen, Rekrutierung, Verbindung zu Kampfstrukturen) werden der Öffentlichkeit Signale auf Assoziationsebene vorgesetzt — und das erschwert die Arbeit derjenigen, die sich tatsächlich mit Sicherheit beschäftigen.

Fazit

Der Beitrag von TSN liefert eine Liste von Punkten zur Überprüfung — Namen, Organisationen, Adressen, Ausschnitte von Äußerungen. Das kann ein nützlicher Ausgangspunkt für OSINT-Recherchen sein. Aber er beweist nicht das, worauf die Dramaturgie den Zuschauer zusteuern will: das Vorhandensein eines operativen Netzwerks der „Brüder-Muslime“ in der Ukraine, das mit Sementsov verbunden ist. Jeder zentrale Übergang in dieser Konstruktion wurde durch assoziativen Schnitt hergestellt. Und „wir behaupten nicht“ ist keine Versicherung für den Zuschauer. Es ist eine Versicherung für die Redaktion. Die Bekämpfung realen Extremismus und hybrider Einflüsse Russlands erfordert präzisere Instrumente — und höhere redaktionelle Verantwortung.

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