Am 21. Juli führte die ungarische Staatsanwaltschaft zusammen mit dem Finanzamt Durchsuchungen in den Büros der Partei „Fidesz" durch, wo Server und Datenbanken untergebracht sind. Die Staatsanwältin des Bezirks Bács-Kiskun, Marianna Bodó, bestätigte, dass die Durchsuchungen Teil einer Ermittlung gegen den verdächtigen Missbrauch von Zuschussmitteln über den Nationalen Kulturfonds in der Zeit der Orbán-Regierung sind. Aber die „Fidesz" selbst sah darin etwas anderes.
Ermittler der Staatsanwaltschaft erschienen ohne Vorwarnung im Rechenzentrum, wo die Server der Partei „Fidesz" untergebracht sind, mit der Absicht, das gesamte Kommunikationssystem und die Datenbanken der Partei zu beschlagnahmen. Seit 1990, seit dem Fall des Kommunismus, hat es in Ungarn keinen ähnlichen Präzedenzfall gegeben.
— aus einer Mitteilung der Partei „Fidesz" auf Facebook
Was wird eigentlich ermittelt
Sechs aktuelle und ehemalige Beamte wurden bereits angeklagt im Zusammenhang mit der Veruntreuung von etwa 17 Milliarden Forint (53,5 Millionen Dollar) über den Nationalen Kulturfonds. Der Ermittlung zufolge wurden die Mittel nicht transparent verteilt – zugunsten von Künstlern und Künstlern, die mit der „Fidesz" verbunden waren, von denen einige aktiv für die Partei vor der Aprilwahl 2026 warben. Die Angeklagten bestreiten ihre Schuld.
Die Durchsuchung der Server ist also nicht der Versuch, die Partei als solche zu stoppen, sondern die Suche nach Beweisen in einem konkreten Strafverfahren. Der Unterschied ist erheblich, auch wenn die „Fidesz" ihn nicht anerkennt.
Kontext: Orbán verlor, aber das System blieb
Die „Fidesz" regierte Ungarn 16 Jahre lang – bis zu ihrer verheerenden Niederlage bei der Wahl im April 2026. In dieser Zeit wurde die Partei systematisch beschuldigt, Korruption außer Kontrolle zu haben, Institutionen zu kapern und die Rechtsstaatlichkeit zu untergraben.
Nach seiner Amtsübernahme im Mai begann Premierminister Péter Magyar, das zu demontieren, das er selbst „Orbáns Mafia" nennt: Er entließ politische Ernannte – einschließlich des Präsidenten des Landes – und Leiter von Institutionen, die seiner Meinung nach den autoritären Kurs des Vorgängers unterstützten.
Die „Fidesz" wiederum beschuldigte Magyars herrschende Partei „Tisza", einen Versuch zu machen, die Opposition durch rechtliche Mittel zu zerstören. Die „Tisza" antwortete, dass sie nur ihre Wahlversprechen erfüllt, gestützt auf ein überzeugendes Wahlmandat.
Operation „Läuterungsfeuer" und was kommt als nächstes
Magyar kündigte die Operation „Läuterungsfeuer" an – eine umfassende rechtliche und politische Maßnahme gegen Korruption in allen Machtzweigen, gerichtet vor allem gegen Beamte der Orbán-Regierung. Die Durchsuchung der „Fidesz"-Server ist einer der ersten sichtbaren Schritte dieser Operation.
- Fall Kulturfonds: 6 Angeklagte, 53,5 Millionen Dollar in verdächtigen Zahlungen an mit der Partei verbundene Künstler
- Umfang der Ermittlungen: Die Staatsanwaltschaft arbeitet zusammen mit dem Nationalen Steuer- und Zolldienst
- Position der „Fidesz": erklärte die Maßnahmen der Regierung für beispiellos seit dem Fall des Kommunismus 1990
Die Schlüsselfrage ist nicht, ob es Korruption gab – die Ermittlung hat bereits sechs Personen angeklagt. Die Frage ist, ob Magyar die Sache bis zu Urteilen führen kann, wenn das Justizsystem, das die „Fidesz" jahrelang geprägt hat, in den Händen von Orbán treuen Ernannten bleibt.