Am 1. Juni formulierte Andrij Jusow, Berater des Leiters des Präsidentenbüros, auf dem Sicherheitsarchitektur-Forum in Kiew die offizielle Position: China bietet Russland keine direkte Militärhilfe. Das Außenministerium präzisierte auf Anfrage von LIGA.net, dass die Ukraine diplomatische und Sanktionsinstrumente gegen chinesische Unternehmen einsetzt, die den russischen Rüstungssektor unterstützen.
Das Problem liegt in dem Wort „direkt" — und genau dort klafft eine Lücke zwischen dem offiziellen Narrativ und dem, was die Geheimdienste der Verbündeten dokumentieren.
Was die Reuters-Recherche zeigte
Am 19. Mai 2026 veröffentlichte Reuters einen Bericht unter Berufung auf drei europäische Geheimdienste und Dokumente, die die Agentur selbst einsehen konnte. Dem Bericht zufolge haben die chinesischen Streitkräfte Ende 2025 etwa 200 russische Militärangehörige geheim auf ihrem Territorium ausgebildet — und einige von ihnen kehrten zurück, um in der Ukraine zu kämpfen.
„Die Geheimausbildung, die sich hauptsächlich auf den Einsatz von Drohnen konzentrierte, wurde in einem zweisprachigen russisch-chinesischen Abkommen verankert, das am 2. Juli 2025 in Peking von hochrangigen Offizieren beider Länder unterzeichnet wurde"
Reuters, 19. Mai 2026
Das Abkommen sah die Ausbildung von Russen in chinesischen Militärakademien vor — unter anderem in Peking und Nanjing. Ein dokumentierter Kurs im Dezember 2025: etwa 50 Russen trainierten das Schießen mit 82-mm-Mörsern mit Drohnen-Zielführung an der Landmilitärakademie der NVAR in Shijiazhuang. Ein weiterer Kurs behandelte die Drohnenabwehr — elektronische Gewehre, Fangnetze, Drohnen-Abfangverfahren. Dies ist alles Ausrüstung, die Russland aktiv an der Front einsetzt.
Zusätzlich dokumentierte Reuters: Experten von chinesischen Privatunternehmen waren an der technischen Entwicklung von Angriffsdrohnen für einen russischen Drohnenhersteller beteiligt.
Wo die Grenze der „direkten" Hilfe verläuft
Jusow hat technisch recht: China überträgt Russland keine Panzer, Raketen oder Artillerie. Aber die Ausbildung von Personal in NVAR-Akademien mit anschließender Rückkehr an die Front — das ist kein Handel mit doppeltem Verwendungszweck und kein „neutrales Geschäft". Europäische Geheimdienste klassifizieren dies als direkte militärische Unterstützung.
Das ukrainische Außenministerium reagiert nach eigenen Angaben mit Sanktionsdruck auf chinesische Unternehmen. Aber das Abkommen zwischen den Offizieren beider Armeen ist kein kommerzielles Schema, das eine Sanktionsliste schließen würde.
- Ausmaß der Ausbildung: ~200 Personen — nicht viel, aber darunter sind Laut Reuters Ausbilder, die ihr Wissen an die nächste Befehlsebene weitergeben können.
- Fokus auf Drohnen: genau der Bereich, in dem China technologische Vorteile hat und wo Russland ein Upgrade am meisten benötigt.
- Legalisierung durch Abkommen: Ein unterzeichnetes zwischenstaatliches Dokument bedeutet, dass dies nicht die Initiative einzelner Unternehmen ist, sondern eine abgestimmte Staatspolitik.
Was kommt als Nächstes
Das offizielle Kiew wählt seine Formulierungen mit Bedacht — um den Diplomatie-Kanal mit Peking nicht zu zerstören, den Selenskyj offen halten möchte. Aber wenn der Kongress oder der Europäische Rat in der nächsten Woche China offiziell nach dem Abkommen vom 2. Juli 2025 fragen, muss Peking es entweder zugeben oder die Reuters-Dokumente bestreiten.
Die Frage ist nicht, ob chinesische Hilfe vorhanden ist — sondern ob Kiew und die Verbündeten bereit sind, die Ausbildung von Kämpfern in NVAR-Akademien als das zu bezeichnen, was sie ist, wenn der Preis die Aufrechterhaltung eines Diplomatie-Kanals mit Peking ist.