Für eine Familie, die auf Demobilisierung oder die Rückkehr eines Kriegsgefangenen wartet, bedarf die Frage „Wann endet der Krieg?" keiner soziologischen Bestätigung. Aber wenn dieselbe Frage 2502 Ukrainern aus verschiedenen Regionen gestellt wird, entsteht ein Bild davon, wie die Gesellschaft Prioritäten zwischen Frieden und Gerechtigkeit im Inland setzt.
Die Ergebnisse einer Umfrage für das National Democratic Institute (NDI), die das Kiewer Internationales Institut für Soziologie (KMIS) im März durchführte, wurden am 5. August veröffentlicht. Verhandlungen und Kriegsende nannten 46% der Befragten als wichtigste nationale Frage. Korruption — 37%. Die Situation an der Front und die Verteidigung — 32%. Die Wirtschaft — 22%.
Was diese Zahlen verbergen
Der Abstand zwischen dem ersten und zweiten Punkt beträgt nur 9 Prozentpunkte. Dies ist keine Gleichgültigkeit gegenüber Korruption im Kontext des Krieges, sondern zwei parallele Anliegen, die sich nicht gegenseitig aufheben. Die Autoren der Studie hielten diesen Befund direkt fest: „Die Forderungen nach Frieden, Sicherheit, Gerechtigkeit, Korruptionsbekämpfung und sozioökonomischer Stabilität koexistieren eindeutig".
Bemerkenswert ist, dass eine KMIS-Studie vom April – durchgeführt auf eigene Initiative des Instituts und nicht im Auftrag des NDI – ein noch deutlicheres Ergebnis zeigte. Wenn Befragte zwischen russischer Aggression und Korruption als größere Bedrohung für den Staat wählen sollten, neigten sich einige Ukrainer tatsächlich zur zweiten Option. Das bedeutet nicht, dass Menschen den Krieg unterschätzen: in offenen Fragen ohne vorgegebene Antwortoptionen nennen sie selbst den Krieg als Hauptbedrohung.
Dynamik der Besorgnis
Der Vergleich mit Februar 2026 zeigt eine deutliche Verschiebung der Proportionen. Damals nannten 65% der Ukrainer den Krieg als größte Herausforderung, und nur 29% die Korruption. Ein Unterschied von 36 Punkten. In der neuen Umfrage schrumpfte die Lücke bei anderer Frageformulierung auf 9 Punkte. Auch wenn die Formulierungen der Fragen unterschiedlich sind, ist der Trend eindeutig: Die Aufmerksamkeit für Korruption wächst parallel dazu, wie sich die Gesellschaft an das Leben in einem Langzeitkrieg gewöhnt.
Die vor einem Jahr stattfindenden Proteste gegen die Einschränkung der Befugnisse von Antikorruptionsbehörden zeigten, dass die Bereitschaft der Menschen, für Gerechtigkeit auf die Straße zu gehen, auch während intensiver Kampfhandlungen nicht verschwindet.
Warum dies für die Beendigung des Krieges wichtig ist
In der Ukraine findet bereits eine Diskussion über mögliche Szenarien zur Beendigung der Kampfhandlungen und deren Folgen statt. Die KMIS-Soziologie deutet darauf hin: Wie die Gesellschaft die Bedingungen des Friedens akzeptiert, wird nicht nur von territorialen oder sicherheitspolitischen Fragen abhängen, sondern auch davon, ob der Kampf gegen Korruption parallel zu den Verhandlungen fortgesetzt wird. Wenn der Staat Frieden vereinbart, aber die Gesellschaft das Gefühl hat, dass die innere Gerechtigkeit eine unerfüllte Forderung bleibt, könnte dies bereits in Friedenszeiten zur Quelle innerer Spannungen werden.
Der Militär und Journalist Pawlo Kasarin warnte vor Risiken einer Gesellschaftsspaltung, sollte der Krieg unter Bedingungen enden, die ein Teil der Bürger als Niederlage empfinden würde. Die KMIS-Daten fügen diesem noch eine weitere Dimension hinzu: Eine Spaltung könnte nicht nur rund um die Friedensbedingungen entstehen, sondern auch darum, wie ehrlich sich der Staat erweist, der diese Bedingungen unterzeichnet.
Die Umfrage wurde im März mittels Telefonbefragung durchgeführt; die Zufallsfehlerquote überschreitet nicht 2,6%. Bewohner der vor dem 24. Februar 2022 von Russland besetzten Gebiete wurden nicht in die Stichprobe aufgenommen, während Bewohner der „neu besetzten" Regionen nur unter Sicherheitsbedingungen befragt wurden.
Die Frage für die kommenden Monate: Ist die ukrainische Regierung in der Lage, zwei Fronten gleichzeitig zu halten – Verhandlungen zur Beendigung des Krieges und echte Korruptionsermittlungen – ohne dass ein Prozess die Aufmerksamkeit vom anderen verdrängt?