Am 4. Juni sollte das Theater auf der Margareteninsel (Margitszigeti Színház) — eine der prestigeträchtigsten Sommerbühnen Mitteleuropas — die neue Konzertsaison des Ungarischen Nationalphilharmonischen Orchesters eröffnen. Der Geiger Wadim Repin war als Hauptsolist vorgesehen. Doch nach einer Stellungnahme der Ukrainischen Botschaft in Ungarn verschwand sein Name von der Ankündigung, und die Solistenpartie übernahm der ungarische Geiger Zoltán Bácsy-Schwartz.
Warum ausgerechnet Repin
Wadim Repin ist nicht einfach nur ein „russischer Musiker". Im April 2022, zwei Monate nach Beginn der Vollzeitinvasion, verlieh ihm Putin persönlich den Titel Volkskünstler Russlands. Repin hat sich öffentlich nie gegen den Krieg geäußert. 2024 trat er mit dem Staatlichen Kremlorchester auf, und 2025 übertrug er ein Konzert mit dem Russischen Nationalorchester für Zuschauer auf der vorübergehend besetzten Krim. Seine Ehefrau, die Ballerina Swetlana Sacharowa, ist Mitglied der Partei „Einiges Russland" und seit 2023 wegen ihrer antiumkrainischen Aktivitäten unter Sanktionen des RNBP. Darüber hinaus werden Teile von Repins Projekten aus dem Präsidialen Fonds für Kulturinitiativen Russlands finanziert.
„Die russische Kultur ist eine Kultur des Genozids und von Kriegsverbrechen, die keinen Platz auf internationalen Bühnen haben darf"
Ukrainisches Außenministerium
Der Prager Präzedenzfall im Kontext
Die Absage in Budapest fand vor dem Hintergrund eines Machtwechsels in Ungarn statt: die Regierung von Orbán ist gegangen, eine neue unter Peter Magyars Leitung hat die Geschäfte übernommen. Bereits im März 2025 lehnte die Ungarische Staatsoper die Ukraine in einem ähnlichen Antrag bezüglich Anna Netrebko ab — der Direktor des Opernhauses lehnte die Forderung des Botschafters, das Konzert abzusagen, öffentlich ab. Nun führte die gleiche diplomatische Logik zu Repins Absage bei einer anderen Institution und bereits unter neuer Führung.
Budapest ist Teil einer konsequenten Kampagne geworden. In den letzten Monaten wurden Repins Konzerte abgesagt in:
- Florenz, Italien — Teatro del Maggio Musicale Fiorentino, Januar 2026, nach einem Schreiben der ukrainischen Botschaft;
- Mannheim, Deutschland — Mannheimer Philharmonie, Februar 2026, nach offizieller Anfrage an den Oberbürgermeister;
- Florida, USA — Palm Beach Symphony, nach Druck von pro-ukrainischen Organisationen;
- Bulgarien — nach Protesten unter Beteiligung von Arts Against Aggression.
Das Annapolis Symphony Orchestra (USA) hat sich bisher nicht von Repins Auftritt im November in Maryland Hall distanziert. Das Orchester, das den Auftritt des Geigers bereits im März 2022 absagte, kommentiert diesmal nach Angaben von The Violin Channel nicht die Gründe für seinen Positionswechsel.
Was kommt danach
Repins nächste bestätigten Auftritte sind am 22. Juli in der Suntory Hall in Tokio und am 6.–7. November in der Maryland Hall in den USA. Aktivisten von Arts Against Aggression führen bereits Kampagnen für deren Absage. Der Fall Japan unterscheidet sich grundlegend von den europäischen Fällen: Die Suntory Hall ist ein privates Konzertsaal, und Japan hat sich nicht am Kulturboykott russischer Künstler beteiligt.
Wenn die ukrainische Diplomatie in der pro-russischen Budapest Orbáns Repin blockieren konnte — dann stellt sich nun die Frage, ob der gleiche Mechanismus in Tokio funktioniert, wo es bisher keine offizielle Position zur kulturellen Isolierung Russlands gibt.