Brief und Feuer an einem Tag
Am 3. Juni 2026 schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenski einen offenen Brief an Wladimir Putin – er bot an, ein Treffen zu vereinbaren und ein Datum festzulegen. Der Brief erschien am selben Tag, als das Petersburger Internationale Wirtschaftsforum (SPIEF) in Sankt Petersburg startete, und in der Nacht griffen ukrainische ferngesteuerte Drohnen das Petersburger Ölterminale und Objekte der Basis Kronstadt an – etwa 1100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
In dem Brief erinnerte Zelenski Putin daran, dass die „absolute Mehrheit der Ukrainer" positiv darauf reagiert, dass Drohnen zur Eröffnung des Forums vorbeikamen. Und fügte sofort hinzu: Diese Entfernung ist nicht die Grenze der ukrainischen Fähigkeiten.
„Ich bin bereit für direkte Verhandlungen mit Putin sofort. Ich will nicht in einer Warteschlange stehen und warten, bis die Welt andere Konflikte beendet."
— Zelenski während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte, 3. Juni 2026
Warum ausgerechnet jetzt
Der Kontext ist kein Zufall. Die USA sind auf die iranische Krise konzentriert: Das amerikanische Verhandlungsteam kam nicht zu den zugesagten Terminen in Kiew an, obwohl Kopf des Präsidentenbüros Kyrylo Budanow dies bestätigte. Zelenski sagte direkt, dass die Ukraine „in einer Warteschlange" von Konflikten steht – und nicht länger warten will.
- 9. Mai: Putin erklärte zum ersten Mal seine Bereitschaft zu einem Treffen „in einem dritten Land" – aber nur nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrags und nahm damit Verhandlungen faktisch für unbestimmte Zeit aus der Tagesordnung.
- Ende Mai: Zelenski schrieb einen Brief an Trump und den Kongress über den kritischen Mangel an Patriot-Raketen – ein Signal für die tatsächliche Lage bei der Luftverteidigung.
- 3. Juni: Anschlag auf SPIEF und offener Brief – diplomatischer und militärischer Druck an einem Tag.
Kreml: Treffen nur nach „endgültigem Vertrag"
Moskau hat seine formale Position nicht geändert. Kremlin-Sprecher Dmitri Peskov erklärte, dass „Antworten systematisch" ausfallen würden als Reaktion auf die Anschläge. Vizeaußenminister Sergei Rjabkow verurteilte die Anschläge auf der SPIEF-Plattform „entschieden". Putin formulierte bereits im Mai eine Bedingung für ein Treffen: „nicht Verhandlungen, sondern die Unterzeichnung einer endgültigen Vereinbarung" – eine Formulierung, die tatsächlich jedes Treffen vor einem Frieden nach russischer Logik unmöglich macht.
Der Analyst des Zentrums „Penta" Wolodymyr Fesenko charakterisierte die Position beider Seiten bereits im Mai als Spiel „für einen Zuschauer – Donald Trump": Die Ukraine demonstriert Gesprächsbereitschaft, Russland – die Fähigkeit, Bedingungen zu stellen. Der eigentliche Adressat der Züge ist Washington, nicht Petersburg.
Was der offene Brief verändert
Das Format des „offenen Briefes" ist kein diplomatischer Kanal, sondern öffentlicher Druck. Zelenski fixierte den Vorschlag so, dass jede Ablehnung durch Putin für das internationale Publikum sichtbar wird. Gleichzeitig macht der Anschlag auf SPIEF am selben Morgen es unmöglich, den Brief als Zugeständnis zu lesen: Kiew signalisiert, dass Dialog und militärischer Druck keine Alternativen, sondern parallele Instrumente sind.
Das letzte persönliche Treffen der beiden Präsidenten fand am 9. Dezember 2019 in Paris statt – im Normandie-Format. Seitdem – Vollzeitinvasion, über 100.000 Quadratkilometer besetztes Gebiet und kein direkter Kontakt auf Führungsebene.
Wenn die amerikanische Delegation in den kommenden Wochen tatsächlich nach Kiew und Moskau kommt – wie Budanow bestätigte – wird der offene Brief zum Test: Kann Putin mit etwas Konkreterem als „unterzeichnen Sie zuerst den Vertrag" antworten?