Der Kampf zwischen Alexander Usyk und Witchoren endete vorzeitig – der Schiedsrichter stoppte den Kampf buchstäblich Sekunden vor dem Schlussgong der Runde. Die Entscheidung rief Kontroversen hervor: Ein Teil der Zuschauer und Kommentatoren betrachtete das Eingreifen als verfrüht. Der Präsident des Weltboxverbands Mauricio Sulaiman entschied sich, den Schiedsrichter öffentlich zu verteidigen.
„Der Schiedsrichter ist kein Zeitnehmer. Er ist ein Beschützer der Gesundheit der Boxer", sagte Sulaiman. Nach seinen Aussagen besteht die Aufgabe des Schiedsrichters im Ring darin, den Kampf in dem Moment zu beenden, wenn der Athlet sich nicht mehr verteidigen kann – unabhängig davon, wie viele Sekunden bis zum Gong verbleiben.
Die Logik der WBC ist hier konsistent: Im Boxen sind Zeit und Sicherheit nicht gleichwertige Prioritäten. Wenn der Schiedsrichter sieht, dass ein Boxer in einer gefährlichen Situation ist, könnte eine Verzögerung von wenigen Sekunden zugunsten eines „sauberen" Rundenabschlusses den Athleten seiner Gesundheit berauben. Genau dieses Prinzip verteidigt Sulaiman.
Der eigentliche Konflikt der Situation ist jedoch komplexer. Kritiker deuten nicht auf die Tatsache des Stoppings selbst hin, sondern auf deren Timing: War der Zustand Witchorens in jenem konkreten Moment wirklich gefährlich – oder handelte der Schiedsrichter mit übermäßiger Vorsicht? Dies ist eine Frage der subjektiven Bewertung, und keine Aussage des Verbandspräsidenten macht sie objektiv.
Sulamans Verteidigung ist institutionell verständlich – die WBC schützt ihren Schiedsrichter. Aber sie beantwortet die Hauptfrage nicht: Nach welchen Kriterien bestimmt der Schiedsrichter die Grenze zwischen „Boxer in Gefahr" und „Boxer verliert die Runde"? Wenn diese Kriterien klar und dokumentiert sind – sollten sie öffentlich gezeigt werden. Wenn sie im Ermessen des konkreten Schiedsrichters in einer konkreten Sekunde bleiben, wird das Vertrauen in Entscheidungen ausschließlich von der Reputation des Schiedsrichters abhängen.
Die Frage lautet nicht, ob der Schiedsrichter das Recht hatte, den Kampf zu stoppen – er hatte es. Die Frage ist, ob dieser Fall die WBC dazu veranlasst, transparentere Eingriffsnormen zu formulieren, die nach dem Kampf überprüft werden können, anstatt sie lediglich zu rechtfertigen.