Drei Familien, drei verschiedene Diagnosen, ein Onkologe – und ein identisches Szenario: Hoffnung auf Genesung bis zum letzten Tag, aggressive Chemotherapie trotz Erschöpfung des Patienten und Dokumente, die nach dem Tod anders aussehen als vor der Operation. Marina Belozerkowa aus der Klinik Odrex ist in den Geschichten des Geschäftsmanns Adnan Kivan, des Seemanns Igor Melaj und des Vaters von Christyna Totkailo verwickelt. Nur eine dieser Geschichten ist vor Gericht gelangt. Die beiden anderen existieren bisher nur als Berichte von Angehörigen im Dokumentarfilm „Wespennest".
Die praktische Frage hier ist nicht „wer ist schuld", sondern einfacher: Wie kann ein gewöhnlicher Mensch überprüfen, ob sein Angehöriger nach dem Protokoll behandelt wird oder ob die Behandlung einfach fortgesetzt wird, weil die Klinik privat und kostenpflichtig ist?
Was das Gericht wirklich überprüft
In der Kivan-Sache ist die Anklage eng formuliert – Nichterfüllung beruflicher Pflichten, die zu Sepsis und Tod führte. Das Gericht bewertet nicht die Behandlungsphilosophie allgemein, es sucht nach einem konkreten Kausalzusammenhang: ob ein Antibiotikum verabreicht wurde, als es hätte sein sollen, ob auf Komplikationen rechtzeitig reagiert wurde. Dies ist wichtig zu verstehen, denn genau diese Enge ist die Hauptschwierigkeit bei Medizinfällen in der Ukraine. Selbst wenn die Familie davon überzeugt ist, dass die Behandlung ungerechtfertigt aggressiv war, kann dies rechtlich nur durch eine Expertise konkreter Handlungen nachgewiesen werden, nicht durch einen allgemeinen Eindruck von der Kommunikation mit dem Arzt.
Aus diesem Grund haben die Geschichten von Melaj und Totkailo trotz ähnlicher Details bisher nicht denselben rechtlichen Status – aufgrund der Anzeige von Olga Melaj wurde ein Verfahren eingeleitet, aber es befindet sich in einem anderen Stadium.
Diskrepanzen in Dokumenten – das ist kein Detail, das ist der Schlüssel
In zwei von drei Geschichten sagen Angehörige dasselbe: Das, was sie unterschrieben haben, und das, was in den Akten oder dem Entlassungsbericht auftauchte, stimmt nicht überein. Olga Melaj behauptet, dass sie der lokalen Anästhesie zugestimmt hat, aber in den Dokumenten erschien eine intravenöse Anästhesie; eine zuvor geplante Operation wurde in den Unterlagen zu einer Notfalloperation. Christyna Totkailo weist auf Unstimmigkeiten zwischen den Aufzeichnungen und den tatsächlichen Verfahren hin.
Dies ist genau der Moment, in dem die Geschichte aufhört, rein emotional zu sein, und zu einer praktischen Anleitung für jeden wird, der sich einer kostenpflichtigen Behandlung unterzieht: Eine Kopie der informierten Zustimmung sollte unmittelbar nach der Unterzeichnung mitgenommen werden, anstatt zu hoffen, dass die Klinik sie nachträglich zur Verfügung stellt. Das eHealth-System, in das Daten über Manipulationen eingegeben werden sollen, kann selbstständig überprüft werden – und genau darauf besteht jetzt die Beschwerde von Olga Melaj beim Gesundheitsministerium.
Warum „aggressive Behandlung" eine rutschige Formel ist
Die Onkologie ist ein Bereich, in dem die Grenze zwischen Hoffnung und übertriebener Therapie fast immer subjektiv ist, und selbst Kollegen können das Risiko unterschiedlich bewerten. Es ist bezeichnend, dass dem Vater von Christyna Totkailo zunächst im Kiewer „Theophanie" auf einem Konsil aggressive Chemie verweigert wurde, da der Zustand des Patienten zu anfällig erschien – und dann richtete genau der Chirurg, der bei diesem Konsil anwesend war, die Familie an seine Ehefrau in Odrex, wo ein Kurs verordnet wurde. Dies ist kein Schuldnachweis, aber es zeigt, wie sehr die Entscheidung „weitermachen oder stoppen" von einer bestimmten Person am Tisch abhängt, nicht von einem universellen Protokoll.
Angehörige in allen drei Fällen beschreiben denselben emotionalen Mechanismus: Die Klinik vermittelte Sicherheit und Hoffnung, selbst wenn objektive Indikatoren – Lähmung des Patienten über Monate, Nierenversagen, Schleimhautverletzungen – bereits das Gegenteil signalisierten.
Was man bereits jetzt überprüfen kann
- Recht auf eine zweite Meinung: Vor Beginn oder Fortsetzung eines aggressiven Kurses sollte man die Stellungnahme eines anderen Onkologiezentrums einholen, besonders wenn sich der Zustand des Patienten dramatisch verschlechtert.
- Kopien von Dokumenten – sofort: Informierte Zustimmung, Ausdrucke, Operationsprotokolle sollten sich die Angehörigen zum Zeitpunkt der Unterzeichnung befinden, nicht Monate später durch eine Gerichtsanforderung.
- eHealth als Kontrollinstrument: Der Patient oder sein Vertreter kann überprüfen, ob die tatsächlich durchgeführten Eingriffe in das elektronische System eingegeben wurden und ob sie mit dem übereinstimmen, was mündlich mitgeteilt wurde.
Das Strafverfahren gegen Kivan ist bereits in die Beweisaufnahme übergegangen – und gerade sein Ergebnis wird zeigen, ob man in ukrainischen Gerichten überhaupt die Grenze zwischen ungünstigem Krankheitsverlauf und ärztlicher Fahrlässigkeit nachweisen kann. Wenn das Gericht Schuld feststellt, wird dies einen Präzedenzfall schaffen, auf den sich andere Familien berufen können. Wenn nicht – wird die Frage, wer und wie private Onkokliniken kontrolliert, noch viele Jahre lang eine rhetorische Frage bleiben.