Ende des imperialen Zyklus

Imperien sind nicht ewig. Besonders jene, die sich über Land ausdehnen, nicht über Verkehrswege. Imperien, die eine Welt der Grenzen bauen statt der Kommunikation und ständig versuchen, auf der Karte neue Linien zu ziehen — solche Reiche sind dem Stillstand und Zerfall geweiht. Nur die „kommunikative“, „verkehrsbezogene“ Komponente imperialer Staatbildung gibt Imperien die Chance auf einen würdigen Tod oder auf die Verwandlung in etwas Besseres — progressiveres, dynamischeres, erfolgreicheres und mit mehr Freiheit.

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Reichsbildungen auf dem Festland gehen in der Regel schmählich zugrunde — erst verfallen sie langsam, dann ersticken sie in Blut und zerfallen in Stücke ’in Agonie, in Krämpfen, in Verblödung und Degeneration’. Und das alles deshalb, weil das Bestreben, ein größeres Gebiet zu kontrollieren, sich auf gewisse Weise in ein despotisches, autoritäres und historisch zum Scheitern verurteintes repressives Regime materialisiert. Anders gesagt in all dem, was man als “Rückschritt der Freiheit” beschreiben kann.

Thalassokratie und Tellurokratie

Wer ein wenig über die Ursachen des allgemeinen Zusammenhangs zwischen Vergrößerung territorialer Kontrolle und dem Rückschritt der Freiheit nachdenken will, dem sei die Vorstellung von zwei Arten von Zivilisationen empfohlen: thalassokratischen (vom Griech. “thalassa” — θάλασσα — Meer) und tellurokratischen (vom Lat. “tellus” — tellus — Erde, Boden).

Zivilisationen des ersten Typs “wachsen” durch Seefahrt, Produktion, Handel, Kommunikation, jene des zweiten durch Territorien, Renten, Tribute. Es gibt auch hybride Modelle, mehr oder weniger erfolgreich. Die Ukraine ist ebenfalls ein hybrides Modell. Wir sind sowohl “von den Warägern zu den Griechen” als auch “vom San bis zum Don”. Das ist nur ein zivilisatorischer Vektor, kein Staatsbildungsprogramm. Die Ukraine wird niemals ein Imperium sein.

Dagegen erzeugt das tellurokratische imperiale Modell in seiner “reinen Gestalt”, dieses “Zusammenraffen von Land”, immer ein Imperium des Bösen.

Geschichte — Fortschritt der Freiheit

Der Rückschritt der Freiheit ist überhaupt ein anti-historisches Phänomen. Wie Hegel bereits richtig bemerkte (“Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte”):

“Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit (1822-1831) — die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit”.

Deshalb sind die für Reiche des Festlands typischen Bestrebungen, Freiheit einzuschränken, zu versklaven oder, wie man in Moskau sagte, “nehmen und nicht loslassen” — nur Versuche, gegen die Strömung zu rudern.

Der Strom der historischen Zeit bewegt sich in Richtung des Fortschritts der Freiheit. Zeit ist überhaupt die größte Kraft im Universum, also lohnt es sich nicht, gegen sie anzukämpfen. Natürlich kann auf kurzen Abschnitten die Illusion von Erfolg oder sogar einer gewissen Größe mancher despoter Reiche aufkommen. Mehr noch: Für gewisse historische Aufgaben mögen solche Reiche vielleicht sogar notwendig gewesen sein. Insgesamt endet aber alles immer gleich. Immer.

Das Achämenidenreich, das Reich Alexanders des Großen, Rom und Byzanz, die Goldene Horde, das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn, das Moskauer Zarenreich, die Reiche der Ming und der Qing sowie andere, weniger groß angelegte “imperiale Projekte” — in all diesen klassischen Festlandsreichen, die in verschiedenen historischen Epochen existierten, ist das Ende desselbe: Verfall, Degeneration, Agonie, Blut und Tod und schließlich Zerfall.

Vorübergehende Abweichungen sind keine Ausnahmen

Natürlich sehen wir, dass der Lebenszyklus mancher Imperien noch nicht beendet ist. Die imperialen Projekte der VR China und Russlands existieren nach wie vor und beeinflussen nicht nur weiter aktiv die Lage in der Welt. Man muss aber berücksichtigen, dass beide Projekte bereits mehrmals grandiose gesellschaftlich-historische Katastrophen erlitten haben, und nicht nur einmal. Es besteht also eine systemische Verwundbarkeit — ebenso wie es bisher noch einen “Sammlungspunkt” gibt, der es erlaubt, nach solchen Katastrophen das Reich wieder aufzubauen und erneut “zum Alten zurückzukehren”.

Ja, “manchmal kehren sie zurück”. Aber lassen wir das chinesische Projekt vorerst beiseite, denn es ist schon nicht mehr rein tellurokratisch. Es ist bereits hybrid und beinhaltet eine bedeutende thalassokratische Komponente — zumindest seit Deng Xiaopings “Politik der offenen Türen”. Produktion, Seefahrt, Handel und Kommunikation, nicht Territorien, Tributzahlungen und Renten als grundlegender zivilisatorischer Motor — das ist der prinzipielle Unterschied des gegenwärtigen zivilisatorischen Modells. Obwohl es natürlich wichtige Nuancen gibt.

Gerade in der thalassokratischen Komponente liegt der grundlegende Unterschied des chinesischen Projekts gegenüber dem Moskauer. Das Moskauer Projekt sind noch immer Territorien, Tribute und Renten. In diesem Sinne ist die Russische Föderation eine klassische Imperium-des-Bösen der vergangenen Zeiten. Es ist durchaus möglich, dass ihr Lebenszyklus sich bereits vor unseren Augen dem Ende zuneigt. Schade, dass es “wieder auf unserem Boden” geschieht, aber so ist das Schicksal der Ukraine.

Hier sterben Imperien.

In den nächsten Veröffentlichungen werden wir darüber nachdenken, welche Rolle die Ukraine und der Kaukasus beim Abschluss des Moskauer imperialen Zyklus spielen werden und wovon es abhängt, dass dieser Zyklus der letzte wird.

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