Vor vier Jahren täuschten sich Analysten über Russland. Nun sagt das Kieler Institut für Weltwirtschaft: Dieses Mal nicht. Ein gemeinsamer Bericht des Instituts und des Stockholmer Instituts für Übergangswirtschaft stellt fest, dass die russische Kriegswirtschaft einer strukturellen Grenze unmittelbar nahe gekommen ist.
Der Puffer ist geschmolzen
Der konkreteste Indikator sind die liquiden Vermögenswerte des Russischen Staatsfonds für Nationale Wohlfahrt. Zu Beginn der vollumfänglichen Invasion betrugen sie 6,5% des BIP. Bis April 2025 bereits 1,8% des BIP. Vier Jahre lang hat der Kreml dieses Polster aufgebraucht und finanzierte die Differenz zwischen Öleinnahmen und Militärausgaben.
«In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine erwies sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger als viele erwartet hatten, doch nun sind ihre Reserven aufgebraucht. Die fundamentalen Grundlagen der Wirtschaft haben sich wesentlich geschwächt – die Finanzreserven sind weitgehend erschöpft, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die Abhängigkeit von China wird immer spürbarer».
Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Co-Autor des Berichts
Ausgaben ja, Produktion nein
Das Paradoxon der russischen Kriegswirtschaft besteht darin, dass es noch Geld gibt, aber der Mechanismus zur Umwandlung dieses Geldes in echte Produktion ist gebrochen. Die Arbeitslosenquote ist unter 2% gefallen – der niedrigste Wert in der gesamten postsowjetischen Geschichte. Das klingt wie ein Erfolg, bedeutet aber tatsächlich, dass die Wirtschaft keinen Arbeitskraftreserven mehr hat: Millionen von Menschen sind an der Front, in der Rüstungsindustrie oder haben das Land verlassen. Jeder neue Militärauftrag konkurriert um dieselben Arbeiter und Ressourcen.
Die Folge ist Inflation. Die Zentralbank Russlands hat den Leitzins auf 21% erhöht, um sie einzudämmen. Doch der hohe Satz drückt zivile Investitionen und Verbraucherkredite, was den nicht-rohstoffabhängigen Teil der Wirtschaft verlangsamt. Die Regierung senkte im August 2025 ihre Prognose für das BIP-Wachstum von 2,5% auf 1,5% und berief sich dabei auf schwache Kreditnachfrage.
Was die Trajektorie ändern könnte
Die Autoren des Berichts nennen zwei Variablen, die Russland bislang vor einem drastischen Einbruch bewahrt haben. Die erste sind Öleinnahmen: Sie bleiben die Hauptfinanzierungsquelle des Krieges. Die zweite ist die Schattenflotte, die hilft, Preisbegrenzungen für Öl zu umgehen.
Deshalb besteht Torbjörn Becker, Direktor des Stockholmer Instituts für Übergangswirtschaft, darauf: «Die Verstärkung der Preisdeckel sollte zum zentralen Element der Sanktionspolitik werden – einschließlich neuer Bemühungen zur Begrenzung der russischen Schattenflotte». Die Autoren empfehlen auch strengere Exportkontrollen für chinesische Anbieter von Dual-Use-Gütern.
- Liquide Vermögenswerte des Staatsfonds: von 6,5% auf 1,8% des BIP in vier Jahren
- Leitzins der russischen Zentralbank: 21% – Rekordniveau zur Bekämpfung der Inflation
- Arbeitslosenquote: unter 2% – die Wirtschaft hat ihre Arbeitskraftreserven physisch aufgebraucht
- BIP-Wachstumsprognose für 2025 auf 1,5% herabgesetzt
Das Kieler Institut und der Atlantic Council sind sich in einem Punkt einig: Russland kann das derzeitige Niveau der Militärausgaben noch aufrechterhalten, doch der Preis ist Stagflation und Degeneration der Zivilwirtschaft, nicht echtes Wachstum des Kampfpotentials.
Die offene Frage des Berichts lautet: Wenn der Westen die Preisdeckel für Öl bis Ende 2025 wirklich verschärft und die Schlupflöcher für die Schattenflotte schließt – hat Moskau dann noch genug Fiskalpielraum, um die derzeitige Kampfintensität noch einen weiteren Haushaltszyklus aufrechtzuerhalten?