Das ukrainische Unternehmen Fire Point baut eine Anlage für Feststoffraketentreibstoff in Dänemark — in der Nähe der Luftwaffenbasis Skrydstrup, wo F-35-Kampfjets der königlich-dänischen Luftwaffe stationiert sind. Nach Angaben der CEO und CTO des Unternehmens, Iryna Terekh, beginnt die Teilproduktion noch bis Ende 2026, die volle Kapazität wird 2027 erreicht.
Das ist nicht nur eine Verlagerung der Produktion ins Ausland. Dänemark ist das erste NATO-Land, das auf seinem Hoheitsgebiet ein Werk eines ukrainischen Rüstungsunternehmens aufgenommen hat — ein Präzedenzfall, den es im Bündnis bislang nicht gab. Die Vereinbarung zwischen Kopenhagen und Kiew wurde im Juni 2025 am Rande des NATO-Gipfels geschlossen.
Was und wozu produziert wird
Das Werk in Skrydstrup wird sich nicht auf Treibstoff beschränken. Wie Terekh im Interview mit Defender Media erklärte, werden dort Raketentriebwerke, Gehäuse und Verbindungsbauteile gefertigt. Feststofftreibstoff wird für Stufenbooster der Marschflugkörper „Flamingo“ (FP-5, Reichweite bis zu 3000 km) sowie für Feststofftriebwerke der ballistischen Raketen FP-7 und FP-9 benötigt.
„Es ist wichtig zu verstehen, dass wir ein Chemiewerk in der ökologisch saubersten Region Europas eröffnen. Es ist die erste ukrainische Investition dieser Art: Chemiewerk, gefährliche Stoffe, Rüstungsindustrie. Sehr vieles passiert zum ersten Mal.“
Iryna Terekh, CEO und CTO von Fire Point — UNIAN
Sie wies zudem darauf hin, dass das Einholen von Genehmigungen — Umwelt- und Abfallmanagementauflagen — schwieriger war als in der Ukraine, aber nicht kritisch: „Für das europäische System ist es ebenfalls eine Herausforderung, sich an das Tempo der Kriegszeit anzupassen, an das wir gewöhnt sind“.
Warum Europa davon abhängig ist
Feststoffraketentreibstoffe und Treibladungen gehören zu den dokumentierten Engpässen bei der Nachrüstung der Europäischen Union. Laut einem Ausschuss des Europäischen Parlaments produziert die EU bislang nur 50 % des benötigten Munitionsvolumens, und der Mangel an Komponenten — insbesondere Treibladungen und Feststofftreibstoffen — bleibt nach dem Granatenmangel die nächste strukturelle Beschränkung.
Dänemark reagierte mit einer Investition: In einem eigenen Paket wurden 500 Mio. dänische Kronen (≈67 Mio. €) bereitgestellt, um die Entwicklung der ukrainischen Rüstungsindustrie auf seinem Territorium zu beschleunigen. Wirtschaftsminister Morten Bødskov nannte dies „einen Beitrag der dänischen Wirtschaft zur Verteidigung Europas“.
Fire Point: vom Start‑up zum Präzedenzfall
Das Unternehmen wurde einem breiten Publikum nach August 2024 bekannt, als Präsident Selenskyj die „Flamingo“ als „die erfolgreichste ukrainische Rakete“ mit einer Reichweite von über 3000 km und Kampfeinsatz gegen Russland bezeichnete. Parallel führt Fire Point Flugtests des FP-7 durch — einer taktischen ballistischen Rakete mit einer Reichweite von bis zu 200 km und einer Geschwindigkeit von 1500 m/s, die noch vor Ende 2025 in Dienst gestellt werden sollte. FP-9 — eine ballistische Rakete mit einer Reichweite bis zu 855 km — befindet sich in der Entwicklung.
Die Ausweitung der Produktion ins Ausland ist Teil einer bewussten Strategie: die Verwundbarkeit ukrainischer Betriebe gegenüber Angriffen zu verringern und Zugang zu westlichen Lieferketten zu erhalten. Selenskyj berichtete im Juni 2025 über Verhandlungen über gemeinsame Produktionen mit Dänemark, Norwegen, Deutschland, Kanada, dem Vereinigten Königreich und Litauen.
Wenn das Werk bis 2027 die volle Kapazität erreicht und tatsächlich einen großen Teil des europäischen Defizits an Feststofftreibstoff deckt, würde das nicht nur die Logistik der Versorgung für die Ukraine verändern, sondern auch die Verhandlungsposition Kiews in künftigen Rüstungsabkommen mit Partnern stärken. Derzeit ist jedoch die technische Kernfrage, ob das Tempo des Baus den Umwelt-Genehmigungsstandards Dänemarks standhält — ohne die die Anlage schlicht nicht rechtzeitig in Betrieb gehen kann.