Jedes Jahr ist das Petersburger Internationale Wirtschaftsforum eine Plattform, auf der Putin der Welt erklärt, dass Sanktionen nicht funktionieren. Das diesjährige Forum war da keine Ausnahme: Der russische Präsident sprach von „erweiterten Möglichkeiten", neuen Partnerschaften und wirtschaftlicher Widerstandskraft. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte.
Einnahmen gesunken, Defizit gewachsen – und das ist keine antirussische Propaganda
Der Bevollmächtigte des ukrainischen Präsidenten für Sanktionspolitik Vladislav Vasyuk nannte konkrete Kennziffern in einem Kommentar zur Agentur „Interfax-Ukraine": Die Einnahmen des föderalen Haushalts der Russischen Föderation sind um 40% gegenüber dem Vorjahr gesunken – und das bei relativ hohen Ölpreisen. Das Haushaltsloch hat bereits 80 Milliarden Dollar überschritten.
„Entgegen der optimistischen Rhetorik der russischen Führung entwickelt sich Russland unaufhaltsam zu einem bankrotten Staat".
Vladislav Vasyuk, Bevollmächtigter des ukrainischen Präsidenten für Sanktionspolitik
Ein Detail, das Putin in seiner Rede nicht erwähnte: Während er den Westen für Haushaltsdefizite kritisiert, beendeten 71 von 85 russischen Regionen das vergangene Jahr mit negativem Haushaltssaldo. Ihr kumulatives Defizit hat bereits 34 Milliarden Dollar überschritten. Der russische Finanzminister Siluanow räumte im Föderationsrat ein, dass die Schulden der Regionen als Anteil der Einnahmen auf 19% gestiegen sind – die Regionen finanzieren ihre Defizite durch Bankenkredite zu den gegenwärtig rekordhohen Zinssätzen.
Stagflation: Wenn Stagnation und Preissteigerung gleichzeitig stattfinden
Auch der Außenhandel verschlechtert sich: Während der Jahre des Vollkrieges ist die Handelsbilanz um fast das Dreifache gesunken – von 337 auf 125 Milliarden Dollar. Die Militärausgaben sind im gleichen Zeitraum von 6,5 auf 19,8 Billionen Rubel pro Jahr in die Höhe geschnellt.
Ökonomen beobachten eine klassische Falle. Nach Angaben des Atlantic Council hielt die Russische Zentralbank den Leitzins auf dem Höhepunkt bei 21%, um die Inflation zu bekämpfen – erreichte aber nur eine teilweise Wirkung: Das BIP im ersten Quartal 2025 wuchs nur um 1,4%, während die Inflation auf etwa 10% verharrte. Der Ökonom Jannis Klüge (Stiftung Wissenschaft und Politik) erklärt den Mechanismus: Der hohe Zinssatz macht Kredite für die zivile Wirtschaft unmöglich, was zur massenhaften Schließung von Unternehmen und zur „Freisetzung" von Arbeitern für die Armee führt. Dies ist keine Krisenpolitik – es ist eine bewusste Verlagerung der Kriegslast auf den privaten Sektor.
Der Nationale Wohlfahrtsfonds – das wichtigste „Sicherheitskissen" des Kremls – hat sich seit Beginn der Vollmilitäroperation um etwa 68% verringert. Um das Defizit zu decken, greift Russland zunehmend zu Gelddrucken: Das Volumen der Repo-Auktionen der Russischen Zentralbank im Jahr 2026 ist um das 12-Fache gegenüber dem ersten Quartal des Vorjahres gestiegen.
Was das für die Menschen in Russland bedeutet
Die meisten dieser Zahlen sind keine Abstraktion. Das Realeinkommen der Bevölkerung ist gesunken, die Verbrauchernachfrage stagniert seit Mitte 2024. Selbst „Magnit" – die größte Einzelhandelskette Russlands – beendete 2025 mit Verlusten. Klein- und Mittelbetriebe schließen massenhaft: Niemand nimmt einen Kredit zu 20%+ pro Jahr auf, außer denjenigen, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben.
- −40% föderale Budgeteinnahmen im Jahresvergleich
- 80+ Milliarden Dollar – Defizit des Bundeshaushalts
- 71 von 85 Regionen – mit Haushaltsdefiziten, kumulatives Minus 34 Milliarden Dollar
- −68% des Nationalen Wohlfahrtsfonds seit Februar 2022
- ×3 – um diesen Faktor schrumpfte der positive Außenhandelssaldo
Vasyuk betont: Die Sanktionen untergraben bereits die wirtschaftliche Grundlage der russischen Kriegsmaschinerie, aber Öleinnahmen könnten die Krise vorübergehend mildern. Genau hier liegt die entscheidende Frage: Wenn der Preis für Urals bis Ende 2025 über 60 Dollar pro Barrel bleibt, wird der Kremlin noch für mindestens ein bis zwei Haushaltszyklen Ressourcen haben – und das Forum in Petersburg wird erneut mit derselben Rhetorik stattfinden.