Im März 2022 teilte Pirelli mit, dass es seine Investitionen in Russland einstelle und spendete 500.000 Euro zur Unterstützung der Ukraine. Im Mai 2025 veröffentlichte das amerikanische Forschungsunternehmen Grizzly Research einen Bericht, der in Frage stellt, wie weit dieser „Ausstieg" tatsächlich gegangen ist.
Was die Analysten fanden
Grizzly Research, das eine Short-Position in Pirelli-Aktien eingegangen ist, stützt seine Vorwürfe auf russische Unternehmensregister und Ergebnisse einer verdeckten Untersuchung. Ihren Berechnungen zufolge werden immer noch etwa 10% des Nettogewinns des Unternehmens in der Russischen Föderation erwirtschaftet – während Russland in Pirellis Quartalsbericht überhaupt nicht separat aufgeführt wird, sondern in der Region „Russland, Naher Osten, Afrika und Indien" enthalten ist, der zusammengefasst weniger als 6% des Umsatzes zugerechnet werden.
Ein noch gravierenderes Detail aus dem Bericht: Das Pirelli-Reifenzentrum auf dem besetzten ukrainischen Gebiet – in Donezk – bedient nach Angaben von Grizzly weiterhin russisches Militär. Das Unternehmen hat die Adresse dieses Zentrums auf seiner offiziellen Website belassen.
„Bei unserer verdeckten Untersuchung stellten wir fest, dass das auf der Website von Pirelli angegebene Reifenzentrum auf besetztem ukrainischem Gebiet russisches Militär bedient".
Grizzly Research, Bericht 2025
Eine Struktur, die nicht verschwunden ist
Um das Ausmaß zu verstehen, ist Kontext erforderlich. Pirelli betrat den russischen Markt 2011–2012 durch ein Joint Venture mit dem Staatskonzern Rostec – demselben, der Waffen herstellt. Die Werke in Woronesch und Kirow produzierten auf ihrem Höhepunkt etwa 10% der weltweiten Reifenproduktion des Unternehmens. 2022 kündigte Pirelli eine „schrittweise Einschränkung der Aktivitäten" an – nicht aber eine Schließung. Das Werk in Woronesch läuft weiter.
Eine zusätzliche Komplexität ist die Eigentumsstruktur. Der chinesische Chemiekonzern ChemChina kontrolliert etwa 37% von Pirelli. Grizzly-Analysten weisen darauf hin, dass dies einen echten Ausstieg aus dem russischen Markt erschwert und ein potenzielles Sicherheitsrisiko für NATO-Länder darstellt, wo Pirelli ein Lieferant ist.
Marktreaktion und Stellungnahme des Unternehmens
Nach der Veröffentlichung des Berichts fielen Pirelli-Aktien am Veröffentlichungstag. Das Unternehmen hat bisher nicht offiziell auf die spezifischen Vorwürfe von Grizzly bezüglich Donezk und der Diskrepanz zwischen deklarierten und tatsächlichen Einnahmen aus der Russischen Föderation geantwortet.
Es ist wichtig, die Natur der Quelle zu verstehen: Grizzly Research verdient daran, dass die Aktienkurse der Unternehmen, die es kritisiert, fallen. Das macht den Bericht nicht unwahr – bedeutet aber, dass jede Aussage einer unabhängigen Überprüfung bedarf. Pirelli hat bisher keine alternativen Zahlen mit unabhängiger Prüfung vorgelegt.
Sollte Pirelli bis zum Ende des Quartals die vollständige Einnahmestruktur aus der Russischen Föderation mit verifizierten Audits nicht offenlegen, bleibt die Frage offen für EU-Regulatoren, die bereits Sanktionsausnahmen für Unternehmen mit Produktion in Russland überprüfen: Ist die „Einstellung von Investitionen" ein echter Ausstieg oder nur eine Umbenennung in der Finanzbericht?